Köln – Die deutsche Nationalelf wird im kommenden Sommer bei der WM in Russland als Titelverteidiger der Gejagte sein – wie sich das anfühlt, konnte das Team von Joachim Löw gestern schon einmal gegen Frankreich erleben. Die „Grande Nation“ hat eine gewisse Tradition, bestehende Herrschaftsverhältnisse recht radikal zu beenden, und dieses Team mit den vielen Talenten ist gefährlich wie früher die berüchtigte Guillotine. Das französische Fallbeil war gestern unerbittlich. Die deutschen aber setzten ihre berühmte Tugend, niemals aufzugeben, entgegen. In der Nachspielzeit erkämpfte man sich ein 2:2, das aber keineswegs als verdient romantisiert werden sollte. Die Deutschen können jedoch mit nach Hausen nehmen, dass man sie nie abschreiben darf – selbst wenn sie phasenweise eine Lektion auferlegt bekommen.
Löw hatte im letzten Länderspiel des Jahres noch einmal eine abenteuerliche Mixtur auf den Platz beordert, er riskierte gegen die viel gepriesenen Gäste die erste Niederlage seit 20 Spielen, weil er an seinem Kurs festhielt, weiter mit Blick auf die WM zu testen. Emre Can als Rechtsverteidiger, Marvin Plattenhardt auf der Gegenseite, Niklas Süle neben Mats Hummels im Zentrum – allein die Abwehr dürfte im Ernstfall anders bestückt werden. Im Mittelfeld durfte sich noch einmal der frisch genesene Ilkay Gündogan beweisen, zudem erhielt Julian Draxler eine Bewährungschance, die er nicht unbedingt verdient hatte.
Das deutsche Spiel wirkte behäbig im Vergleich zu den flinken Franzosen, die bei ihren Gegenstößen die Gastgeber immer wieder spektakulär foppten. Hummels war wie bereits am Freitag in Wembley immer wieder gefragt, um im letzten Moment in die Bresche zu springen. Allerdings nahm Löw seinen Besten zur Pause für Antonio Rüdiger raus. Hummels spielt seit Wochen mit wehen Zehen. Er verdiente sich eine Pause.
Es fehlte lange viel im deutschen Spiel, für Timo Werner ergaben sich allenfalls Halbchancen, während die „Equipe Tricolore“ nach 33 Minuten verdient in Führung ging. Can gewährte eine Hereingabe, Süle grätsche ins Leere, Alexandre Lacazette musste nur noch einschieben. Auch nach der Pause ergab sich keine spürbar steigende deutsche Dominanz, eher unvermittelt kamen die Gastgeber zum Ausgleich durch Werner, der nach einem Konter über Mesut Özil Torwart Steve Mandanda frech tunnelte (56.). Immerhin aber wurden die Deutschen wehrhafter im Verlauf. So leicht lässt sich der Weltmeister ja nun auch nicht zum Schafott führen.
Ein Freistoß von Toni Kroos donnerte ans Lattenkreuz, im direkten Gegenzug bestrafte Lacazette aber, dass Plattenhardt das Abseits aufgehoben hatte – 1:2 nach 71 Minuten. Wieder hatten die Franzosen ihre kalte Klinge niedersausen lassen. Löw wechselte in der zweiten Hälfte munter weiter, doch keiner seiner Probanden vermochte dem Spiel zunächst die Wendung zu geben.
Die Gäste überzeugten mit ihrer souveränen Technik, ihren gefährlichen Attacken – der Weltmeister hingegen muss sich für das WM-Jahr ein paar Kniffe überlegen. Am Ende sangen die Fans aus dem Nachbarland die „Marseillaise“. Das klang schon ein wenig nach Revolution in der Kölner Arena. Doch dann kam der eingewechselte Lars Stindl mit der allerletzten Pointe des Abends. Das 2:2 in der Nachspielzeit war typisch deutsch an einem eigentlich französischen Abend. Und es rettete die makellose 2017-Bilanz der DFB-Auswahl.