München – Humor ist schon mal eine gute Basis. Wer gemeinsam Witze reißt, der kann sich so fremd ja nicht sein, egal was früher gewesen sein mag. Die Frage, die aus der Tiefe des Raumes gestellt wurde, war den Damen auf dem Podium darum sichtbar willkommen. Ob Tatjana Hüfner und Natalie Geisenberger denn planten, gemeinsam im Frauen-Doppelsitzer anzutreten, dem neuesten Projekt im Rodelsport. Aber ja, antwortete Geisenberger, aktuell diskutiere man, „wer oben und wer unten liegt“. Aber vielleicht, assistierte Hüfner, werde man auch „zwischendurch tauschen“.
Man versteht sich, diese Botschaft war den beiden erkennbar wichtig, als sie neulich bei der Saisoneröffnung der deutschen Schlittensportler in München auftraten. Das war nicht zuletzt deshalb interessant, weil Bundestrainer Norbert Loch kurz zuvor erklärt hatte, man müsse aufpassen, dass sich im erfolgsverwöhnten deutschen Kader „die Wölfe nicht zerfleischen“. Bis vor ein paar Jahren hätte man bei diesem Stichwort zuallererst an die Frauensparte gedacht, wo die Differenzen zwischen den zwei Besten ein Dauerthema waren. Wenn auch nicht immer so unverhohlen wie bei den Spielen von Sotschi, als Hüfner beklagte, gegenüber dem Standort Königssee drastisch benachteiligt zu sein.
Heute wendet Natalie Geisenberger mit einem Lachen ein, der Bundestrainer habe sich ja wohl ausdrücklich „auf die Männer“ bezogen. Tatsächlich fällt auf, wie entspannt und harmonisch die beiden besten deutschen Rodlerinnen in die Olympiasaison starten. Dabei könnte es in diesem Winter eng zugehen wie lange nicht mehr.
Im vergangenen Jahrzehnt haben sich die beiden die großen Titel säuberlich aufgeteilt: Die Thüringerin Hüfner (34) wurde 2010 Olympiasiegerin und gewann fünfmal den Gesamtweltcup (2008 bis 2012), die Miesbacherin Geisenberger (29) holte Gold in Sotschi (Einzel und Team) und war in den letzten fünf Weltcupwintern die Schnellste. „Wenn die eine nicht gewonnen hat, dann die andere“, sagt Geisenberger.
Als Hüfner im Februar in Igls WM-Gold gewann, war das gleichwohl ein Signal. Nach komplizierten Jahren, in denen sie mit einer Rückenverletzung, Personalproblemen am Oberhofer Standort und dem Spagat zwischen Sport und Studium zu kämpfen hatte, ist mit ihr wieder stark zu rechnen. Erst recht, seit 2016 der FH-Abschluss besiegelt wurde (Kindheitspädagogik) und sie nun den ganzen Sommer „schmerzfrei arbeiten konnte“, wie Hüfner erfreut berichtet: „Auf den Lehrgängen habe ich gezeigt, was in mir steckt.“
Das kommt indirekt auch ihrer Rivalin zugute, die zuletzt bemerkt hat, dass intern nicht jeder das hohe Niveau halten konnte. Neulich bei Tests im lettischen Sigulda wunderte sich ein Techniker, warum nur zwei deutsche Frauenschlitten herzurichten waren. „Wo ist der Rest?“, fragte er. „Das ist der Rest“, antwortete Geisenberger. Die anderen waren krank oder außer Form.
Es mag an den Gesprächen liegen, in denen die Animositäten beigelegt wurden, oder an der Gelassenheit des gehobenen Athletenalters. Zwischen den beiden weltbesten Rodlerinnen besteht jedenfalls eine Wertschätzung wie lange nicht mehr, vielleicht so ausgeprägt wie 2010, als sie sich bei den Winterspielen in Vancouver ein Doppelzimmer teilten. Anders als 2014 sei die Stimmung jetzt „sehr, sehr angenehm“, versichert Geisenberger. „Wir akzeptieren und respektieren uns.“
Allzu viel gemeinsame Zeit werden sie in den Eiskanälen nicht mehr haben. Nach dieser Saison will sich Tatjana Hüfner fragen, „ob ich noch Lust habe“. Die Antwort dürfte auch vom Abschneiden in Pyeongchang abhängen. Die größte Rivalin wird dann wieder im eigenen Team stehen.