London – Manchmal sind es Nebengeräusche, die alles verraten. Als sich Rafael Nadal spät Abends nach einer Niederlage von seinem Publikum in der O2 Arena verabschiedete, da konnte man ahnen, wie es um ihn stand. Es war kein kurzes Wir-sehen-uns-übermorgen-wieder-Winken, sondern eine Bewegung mit tieferer Bedeutung und emotionalem Unterton. Eine halbe Stunde später fasste der Spanier die Geste in kurze, direkte Worte. „Ich bin raus“, sagte er, „meine Saison ist vorbei.“
Wäre es nicht dieses Turnier gewesen, das Treffen der besten acht Tennisspieler des Jahres, dann hätte er mit einiger Sicherheit gar nicht gespielt angesichts der Schmerzen im rechten Knie, die ihn seit Mitte Oktober quälen. Aber er fühlte sich gegenüber dem Turnier verpflichtet, gegenüber der Stadt London und irgendwie auch sich selbst, sagte er. „Ich habe wirklich alles probiert. Aber es geht einfach nicht.“
Dass er unter diesen Bedingungen überhaupt ein so enges Spiel mit dem starken David Goffin erzwang und nur knapp verlor (6:7, 7:6, 4:6), war aller Ehren wert. In manchen Momenten wirkte er in seinem Spiel sichtlich eingeschränkt. Doch selbst in dieser Form blieb er das, was er immer war und immer sein wird: Der größte Kämpfer unter der Sonne. Dabei war ihm schon während des Spiels klar, dass es diesmal nur diesen einen Auftritt in London geben würde, dass er auch im Fall eines Sieges gegen den Belgier nicht weitermachen würde. Den frei werdenden Platz in der Gruppe wird nun der Spanier Pablo Carreño Busta übernehmen, der heute mit der Partie gegen Dominic Thiem aus Österreich einsteigt.
Es bleibt also bei der unvollendeten Beziehung zwischen Rafael Nadal und dem Torneo de Maestros, wie es in Spanien heißt. Es ist das einzige große Turnier, das er nie gewann. Zwei Finale stehen zu Buche – 2010 gegen Roger Federer und 2013 gegen Novak Djokovic –, und gerade diesmal hätte alles so wunderbar passen können. Zum Ende eines Jahres, in dem er 77 Spiele und sechs Titel gewann, darunter den historischen zehnten bei den French Open in Paris.
Schon vor dem ersten Spiel hatte er den Pokal für die Nummer eins zum Ende des Jahres erhalten. Ein großartiges Jahr, dessen Ereignisse das erzwungene Ende bei weitem überstrahlen. „Natürlich gefällt es mir nicht, dass ich jetzt auf diese Weise aufhören muss, das ist doch klar“, sagt Nadal. „Und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass ich noch ein großes Finale verdiene. Aber der Sport schuldet niemandem irgendwas.“ Allein für diesen letzten Satz hätte er den Pokal verdient.
Und auch für den berühmtesten Onkel des Tennis ging an diesem Novemberabend im Londoner Osten ein Kapitel zu Ende. Bereits im Februar hatte Toni Nadal angekündigt, dass er sich zum Jahresende aus dem Trainerteam des Neffen zurückziehen und mehr um dessen Trainingszentrum in Manacor/Mallorca kümmern werde. Toni Nadal neigt nicht zur Sentimentalität, und er wusste ja nur zu gut, was kommen würde. Aber man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was es dem Mann bedeutet, im letzten Jahr als verantwortlicher Trainer mit dem Neffen zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen zu haben und wieder an der Spitze der Weltrangliste gelandet zu sein.
Den Job übernimmt nun Rafael Nadals langjähriger Freund Carlos Moya, der ja schon länger zum Team gehört. Würde Moya nicht so gute Arbeit leisten, hätte er sich sicher nicht zum Rückzug entschließen können, sagt der Onkel; er ist zuversichtlich.
Miteinander sind sie inzwischen wieder auf ihrer geliebten Insel gelandet; das lädierte rechte Knie der Nummer eins braucht Behandlung und Pflege. Er werde hart arbeiten, versprach Nadal, um im kommenden Jahr wieder auf höchstem Niveau spielen zu können, im Prinzip wisse er ja, was zu tun sei. Es gibt kaum einen im Tennis, der so viel Erfahrung mit Knie-Verletzungen hat wie er, und man kann davon ausgehen, ihn Anfang Januar in Australien wieder zu sehen.
Seine Position als Nummer eins zu Ende des Jahres 2017 hatte er schon Anfang des Monats mit zwei Siegen beim Turnier in Paris gesichert. Aber der Vorsprung auf Federer wird Ende dieser Woche vielleicht nicht mehr allzu groß sein. Gewinnt der Schweizer den Titel bei den ATP Finals, wird er nur noch 140 Punkte Rückstand auf den besten Konkurrenten seiner Karriere haben. Die Geschichte dieses Duells ist noch nicht zu Ende.