Das DFB-Team vor dem WM-Jahr

Am Lautstärkeregler

von Redaktion

Zu später Stunde bekam Didier Deschamps auf der Pressekonferenz nach dem 2:2 in Köln noch eine Frage auf Deutsch gestellt; der französische Nationaltrainer hob entschuldigend die Hand und setzte den Kopfhörer auf, für den Dolmetscher. Plötzlich verzog er das Gesicht, als habe er eine ungenießbare Auster erwischt – die Übersetzung war ohrenbetäubend laut. Moment, er müsse erst das Volumen reduzieren, sagte er. Dann hatte er alles wieder im Griff. Es war bezeichnend, dass die Franzosen am Dienstagabend in Köln jedes Problem schnell gemeistert haben. Und am Lautstärkeregler saßen.

Eigentlich sollte der Weltmeister aus Deutschland den Ton bestimmen und die Kontrolle haben, doch vor dem Start ins WM-Jahr mag sich Joachim Löw zwar unbesorgt geben – ein paar Dissonanzen haben sich als Begleiter nach den Härtetests gegen England und Frankreich aber doch untergemischt, obwohl 2017 ohne Niederlage ausklang. Man muss mit Show-Spielen im trüben Herbst stets vorsichtig sein, sie taugen keinesfalls für detaillierte Prognosen für ein Großereignis im Sommer. Doch die beiden Duelle mit den namhaften Gegnern haben deutlich gemacht, dass die Konkurrenz aufrückt. Die Deutschen diktieren die Szene noch immer aus der komfortablen Warte als Weltmeister, Confed Cup-Sieger und U-21-Europameister. Aber Löws Prognose, dass die WM in Russland die schwerste der Geschichte wird, scheint sich zu bewahrheiten.

Der DFB hat eine Blaupause für die Konkurrenz geliefert; plötzlich entwickeln auch Frankreich und England Talente, und irgendwie wirkten sie in den Vergleichen mit den Deutschen sogar frischer, hungriger, schneller. Löw mahnt zurecht an, dass es in Russland bei seinem Team nicht zuletzt auf die Psyche ankommen wird. Fußballerische Qualität ist da, reichlich – aber wird man bereit sein, den letzten Meter zu gehen, den letzten Zweikampf zu suchen? Ein Titelverteidiger muss ein Mentalitätsmonster sein, will er bestehen. Er spielt nicht nur gegen die anderen. Sondern auch gegen sich selbst.

Die anderen haben aufgeholt. Und die Aufgabe der Deutschen ist, sich ebenfalls noch einmal ein ganzes Stück zu entwickeln. Das maue 0:0 gegen England und das schmeichelhafte 2:2 gegen Frankreich kommen Löw insofern gelegen, dass seine Appelle für größtmögliche Ernsthaftigkeit nun noch mehr Gehör finden werden. Sie haben eine anständige Lautstärke erreicht; nicht zuletzt dank Didier Deschamps’ flotten Franzosen.

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