Köln – Es ist erstaunlich, wie sich manches hin und wieder zu einem Gesamtwerk fügt, ohne dass man das vorher so erwartet hätte. Lars Stindl hatte zum Beispiel im DFB-Magazin vor der Partie gegen Frankreich recht anschaulich dargelegt, dass er als Bub Thomas Häßler verehrt habe. Sein erstes Trikot war eines von „Icke“, und jetzt trägt er selbst das Dress der Nationalelf. Häßler wird auf ewig als der Mann bekannt sein, der Deutschland mit seinem 2:1 gegen Wales zur WM 1990 schoss – ohne dieses Tor, so die Legende, wäre der Triumph ein Jahr später gar nicht möglich gewesen. Häßler traf damals in Köln, seiner Heimat. Stindl gelang mit seinem 2:2 gegen Frankreich nun an gleicher Stelle ebenfalls ein wichtiges Tor. So nah dran am Idol, solche Geschichten schreibt nur der Fußball.
Joachim Löw hat in den kommenden Monaten die schwere Aufgabe, seinen Kader zu einem Gesamtwerk zusammenzufügen, von dem die Nation nichts anderes erwartet, als dass er bei der WM in Russland den Titel verteidigt. Nicht zuletzt in der Offensive stehen da Härtefälle aus. Stindls Treffer am Dienstagabend hatte nun zwar nicht die epische Breite der Glanztat seines Idols im Herbst 1989. Aber dass er damit wenigstens die deutsche Bilanz rettete, 2017 ungeschlagen beendet zu haben, lässt seine WM-Chancen steigen.
Im Sturm hat Timo Werner sein Ticket für Russland sicher. Hinter ihm liefern sich Stindl und Sandro Wagner ein Rennen, in das ganz eventuell auch noch Mario Gomez eingreifen könnte. Wer auf „Ickes“ Spuren wandelt, hat gute Argumente. Stindl selbst gab sich bescheiden: „Glücklicherweise haben wir mit dem letzten Angriff das Tor gemacht. Insgesamt waren das zwei ordentliche Auftritte gegen zwei starke Gegner. Ich glaube, es war ein rundum gelungenes DFB-Jahr 2017.“
Bescheiden wirkte auch Mario Götze, wie er nach der Partie mit seinen Fußballschuhen in einer Plastiktüte Rede und Antwort stand. Er hatte sich mit der Vorbereitung von Stindls Treffer bei Löw in Erinnerung gebracht, sein 28-Minuten-Einsatz war sein erstes Länderspiel nach 364 Tagen Wartezeit. Die Aktion sei „klasse gewesen“, lobte Löw, der den Dortmunder nach dessen Stoffwechselerkrankung „auf einem guten Weg“ sieht. Natürlich merke man dem 25-Jährigen seinen akuten Mangel an Spielpraxis an, so der Bundestrainer, aber er wirke im Training engagiert und bereit für Großtaten.
Ihm gehe es „sehr gut“, versicherte der ehemalige Bayern-Profi, es sei generell ein sehr gutes Gefühl, wieder dabei zu sein. „Dass ich nochmal einen Assist geben konnte, war umso besser.“ Götze ist schon immer einer gewesen, der in seinen Aussagen unverbindlich bleibt. Ob aus Selbstschutz oder anderen Gründen, erschließt sich stets schwer. „Er hat keine einfachen Jahre hinter sich“, erinnerte Löw nachsichtig. Kurioserweise sind Stindl und Götze nun auch Konkurrenten um einen Platz im WM-Kader. Götze aber hat noch einen Joker: Sein Siegtor im WM-Finale dürfte im Zweifel mehr wiegen als eine historische Häßler-Kopie. awe