Bloß keine Panik!

von Redaktion

Löw rät allen Beobachtern der Nationalelf zur Ruhe: „Ich habe keine schlaflosen Nächte“

VON ANDREAS WERNER

Köln – Joachim Löw musste beide Hände über die Augen legen, ein Schutz gegen die blendenden Scheinwerfer, die ihn oben auf dem Podium der Pressekonferenz nach dem letzten Länderspiel des Jahres 2017 in Szene setzen sollten. Wie ein Indianer sah die Pose aus, der Bundestrainer visierte jeden Fragesteller gelassen wie ein alter Apachen-Häuptling an, der schon viele Bleichgesichter kommen und gehen sah. Nach dem 2:2 gegen Frankreich, bei dem der Weltmeister zeitweise überfordert wirkte, hatte sich Unruhe im Publikum breitgemacht. Löw riet hingegen allen Beobachtern zu Ruhe und Gelassenheit. „Ich habe keine schlaflosen Nächte.“ Als er am Ende gefragt wurde, was er den Menschen so wünsche über die Weihnachtszeit, grübelte er kurz und sagte dann: „Bitte keine Nervosität – in keiner Form!“ Dann lachte er laut auf. So bleibt er nun bis zum WM-Jahr im Gedächtnis.

„Wahnsinnig gute Basis erworben“

Der Bundestrainer hat es sich zu eigen gemacht, bei seinen Auftritten stets eine besondere Kernbotschaft unter die Leute zu bringen. Diesmal war sie so leicht herauszufiltern wie lange nicht: Bloß keine Panik! Löw brachte diese Botschaft in mehreren Spielarten unter die Leute; drei bis vier Mal kehrte er mit neuen Varianten zu diesem Thema zurück. „Warum sollte ich mir Sorgen machen“, fragte er. Natürlich mache er sich Gedanken, logisch, „aber ich bin völlig entspannt, vor allem nach diesem Jahr“.

Tatsächlich kann es sich sehen lassen, dieses 2017. Löw gewann mit seiner ersten Elf alle Qualifikationsspiele für die WM und mit seiner zweiten den Confed Cup. Mehr geht nicht. Nur die Tests nun gegen England (0:0) und gegen Frankreich (2:2) trüben die Bilanz ein wenig – allerdings nicht aus der Warte des Bundestrainers. Löw verwies einmal mehr auf die Notwendigkeit, in diesen Partien Dinge zu testen, die er während des Turniers in Russland nur in absoluter Not wagen würde. Zudem beruhigt ihn die Erfahrung, dass es erst ab dem Trainingslager unmittelbar vor der WM ernst wird. Es hat sich ja gezeigt, wie viel an Feinschliff in diesen konzentrierten Wochen erarbeitet werden kann – sofern denn die Grundlage stimmt. Und die passt. „Wir haben uns eine wahnsinnig gute Basis erworben in unserem Spiel – von daher macht mich nichts mehr nervös“, so Löw. „Wir wissen schon jetzt ganz genau, was wir in der Vorbereitung unternehmen werden.“

Vor der EM vor zwei Jahren war genau das das Problem: Der DFB verließ sich zu sehr auf bewährte Automatismen. Doch man lernt ja aus seinen Fehlern, auch als amtierender Weltmeister. Löw muss sich aber im WM-Jahr an seinen Aussagen messen lassen, dass Meriten der Vorjahre keine Gültigkeit mehr haben. Zwei Mal noch hat er die Gelegenheit, seine Kandidaten zu testen; gegen Spanien und Brasilien im Frühjahr. Dann wird sich zeigen, ob er tatsächlich auch dem einen oder anderen verdienten Weggefährten die Mitreise verweigert. Hier schlummert bei aller Gelassenheit noch immer die Gefahr: Sich zu sehr eingerichtet zu haben in seinen bewährten Bahnen.

„Jede Mannschaft will uns bei der WM in die Knie zwingen“, sagte Löw, „wir werden auf wahnsinnigen Widerstand treffen.“ Die Franzosen exerzierten das schon einmal vor. Diese junge „Equipe Tricolore“ ließ keinen Zweifel daran, dass sie es eilig hat, Geschichte zu schreiben. Dabei fehlten gegen die Deutschen sogar ein paar ihrer Besten. Toni Kroos zählt die Franzosen zu den fünf, sechs Nationen, die über den anderen anzusiedeln sind. Auch wenn Italien bei der WM in Russland nicht dabei sei, „sind ja trotzdem noch genügend Favoriten übrig. Da müssen wir durch.“

Löw wünscht sich „psychische Robustheit, da müssen wir vor allem unsere jungen Spieler darauf vorbereiten“. Erst in vier Monaten versammelt er seine WM-Kandidaten wieder um sich. Bis dahin gilt: Nur die Ruhe. Die Aussichten sind weiter blendend – und der Bundestrainer hat alles im Blick.

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