Das Taxi steht bereit

von Redaktion

Überraschend offen bestätigt Julian Nagelsmann den Wechselwunsch Sandro Wagners zu Bayern

von hanna raif

München – Man kann mit Sicherheit behaupten: Sandro Wagner hat diese ganze Sache nicht unabsichtlich gemacht. Denn wer sich in Zeiten von Smartphones und Twitter-Accounts – die Nachrichten schneller verbreiten, als die Polizei erlaubt – in die erste Reihe bei einem Basketball-Spiel setzt, der wird auf alle Fälle entdeckt. Der Nationalstürmer hat das am Mittwochabend genauso getan, denn er, der gebürtige Münchner, war halt in München, und Sportler sehen halt gerne anderen Sportlern beim Sporteln zu. So die simple Erklärung. Die etwas weitsichtigere: Wagner wärmte seinen Platz vor – denn ab dem kommenden Jahr wird er wohl öfter mit den Fußball-Kollegen im Audi Dome sitzen.

Spekulationen über einen möglichen Winterwechsel des Hoffenheimers hatten ein paar Stunden vor dem Sieg der Bayern-Basketballer gegen Istanbul die Runde gemacht, sie waren aber – wie das halt so ist auf dem Transfermarkt – noch mit vielen Fragezeichen versehen. Tags darauf änderte sich die Sachlage, als Julian Nagelsmann vor die Presse trat. Der Hoffenheimer Coach, selbst auf dem erweiterten Zettel der Bayern für die Nachfolge von Jupp Heynckes im kommenden Sommer, sprach bemerkenswert offen davon, dass Wagner trotz seines bis 2020 gültigen Vertrages tatsächlich um die Freigabe gebeten habe. „Wir wissen seit Längerem von dem Interesse, jetzt kann ich es bestätigen“, sagte der 30-Jährige, der auch davon sprach, dass „ein Wechsel im Winter zustande kommt“.

Die Worte, die Nagelsmann wählte, klangen so, als sei die Sache bereits in ziemlich trockenen Tüchern. Weil er ein Trainer sei, der „viel mit seinen Spielern spricht“, bekäme er auch „einen Eindruck von Gemütslagen“. Bei Wagner, dessen Frau mit den zwei Kindern in München wohnt, hatte sich die Präferenz in den vergangenen Wochen verschoben. Seit zweieinhalb Jahren pendelt der 29-Jährige zwischen Heidelberg und der Landeshauptstadt, zum FC Bayern sagt er seit Jahren unverblümt „mein Verein“. Das kann man einem jungen Mann, der in München geboren und an der Säbener Straße groß geworden ist, nicht verübeln. Es war allen klar: Wenn der Ruf aus der Heimat kommt, wird Wagner nicht widerstehen können.

Der Ruf kam – obwohl Heynckes gestern im „kicker“ provokant fragte: „Wen willst Du holen?“ – schon vor einigen Wochen. Nicht nur Robert Lewandowski selbst („Die Bemühungen des Klubs sind positiv, jeder Spieler braucht seine Pause“) hat den Wunsch nach einem Ersatzmann geäußert. Auch den Bossen war – mit Blick auf die zuletzt zwickenden Muskeln des Polen – aufgefallen, dass die von Carlo Ancelotti im Sommer durchgesetzte Transferpolitik im Sturmzentrum einer Korrektur bedarf. Heynckes sprach von „höchsten Ansprüchen“, die er an den gesuchten Mister X habe, und nannte Thomas Müller und James als bessere Alternativen im Falle eines Stürmer-Ausfalls. Die Erinnerungen an die vergangene Saison, in der die Bayern Real Madrid im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League ohne den verletzten Lewandowski wenig entgegenzusetzen hatten, haben die Bosse aber letztlich dazu bewogen, aktiv zu werden.

Das Profil war in der Theorie schnell erstellt, ein geeigneter Mann in der Praxis aber schwer zu finden. Wagner lag am nächsten: Er ist 29 Jahre alt, erfahren, aber nicht über den Zenit. Er spielte lange durchschnittlich, seit eineinhalb Jahren aber auf hohem Niveau und noch dazu bei einem Klub, mit dem die Bayern ein gutes Transfer-Verhältnis pflegen (Gustavo, Braafheid, Alaba, Starke, Süle, Rudy, Gnabry). Er ist ein Münchner Kindl. Aber: Er ist eben auch einer, der eine eigene Meinung (oder: eine große Klappe) hat. Er wird wissen, worauf er sich einlässt, sich aber trotzdem nicht damit zufrieden geben, auf der Bank zu warten, bis Lewandowski ein Wehwehchen hat. Wagner hat die WM im Hinterkopf. Die Bosse müssen offen mit ihm reden, ihm aber sicher auch ein paar Zugeständnisse machen.

Sinnvoll ist der Plan, Wagner einzusetzen, um Lewandowski in der Bundesliga eine Pause zu gönnen. Theoretisch aber wäre der Hoffenheimer – anders als zunächst angenommen – auch in der Champions League spielberechtigt. Zwar hat er mit der TSG die Qualifikation für die Königsklasse bestritten und danach in der Europa League gespielt, entscheidend aber ist der Passus der UEFA-Statuten, der besagt: Jeder Klub kann im Winter drei Spieler nachmelden, die „nicht für einen anderen Verein im selben Wettbewerb eingesetzt wurden“. Das ist bei Wagner der Fall.

Die Gespräche sind so weit fortgeschritten, dass es wohl nur noch ums Geld geht. Nagelsmann sagt: „Der Spieler gehört nicht mir, sondern dem Verein. Natürlich spielt auch die Ablöse eine Rolle.“ Auch diese Aussage kam nüchtern und gefasst, wurde aber noch mit dem Nachsatz garniert: „Nur das Taxi zu bezahlen, wird nicht ausreichen.“

Daraus, dass das Taxi bereit steht, macht niemand mehr ein Geheimnis. Rund 320 Kilometer sind es von Sinsheim nach München, eine Strecke, die Wagner offiziell wohl nur zurücklegen dürfte, wenn die Bayern rund zehn Millionen Euro Ablöse berappen. Man kann davon ausgehen, dass sie das tun werden. Und Wagners Platz ist ja schon vorgewärmt. Zwar nur am Spielfeldrand, aber immerhin.

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