SKISPRINGEN

Wiedersehen in Wisla

von Redaktion

Andreas Wellinger geht als deutsche Nummer eins in den Winter – mit dem Auftaktort verbindet er gute Erinnerungen

VON Patrick reichelt

München – Mittlerweile hat sich Andreas Wellinger an die neue Perspektive schon gewöhnt. Und irgendwie möchte der beste deutsche Skispringer gar nicht mehr missen, was er seit einigen Monaten täglich zu sehen bekam. „Schon cool“, findet er es, „du gehst aus der Türe und alles ist da.“ In diesem Sommer siedelte der 22-Jährige nach München über. Und sein Trainer Werner Schuster hat es ziemlich wohlwollend zur Kenntnis genommen: „Der Andi hat sich weiterentwickelt.“

Und das ist dann schon eine ganz verheißungsvolle Erkenntnis. Am heutigen Freitag beginnt mit der Qualifikation in Wisla (18.00 Uhr/Eurosport) der neue Weltcup-Winter. Und weil der langjährige Vorflieger Severin Freund nach seinem zweiten Kreuzbandriss weiter pausiert, muss Wellinger die Hoffnungen der erfolgsverwöhnten deutschen Mannschaft schultern.

Und das heißt einiges in einem Jahr mit gleich drei Höhepunkten. Der Vierschanzentournee zum Jahreswechsel folgt im Januar die Skiflug-WM in Oberstdorf und schließlich die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Wellinger selbst will sich nicht mit großen Zielen belasten. Er hat sich diesen einen Satz zurechtgelegt: „Ich will meine besten Sprünge zeigen.“

Aber nun gut, der Neu-Münchner hat in seiner Karriere ja schon zur Genüge kennengelernt, wie nahe im Skispringen Erfolg und Misserfolg beieinanderliegen. Und dafür muss man noch nicht einmal die Erinnerungen an 2014 bemühen, als er in Kuusamo vom Himmel fiel. Es reicht der Blick aufs letzte Jahr. Eine komplette Saisonhälfte lang hatte sich Wellinger im Niemandsland der Plätze zwischen zehn und 20 bewegt. Am schlimmsten erwischte es ihn beim Tourneefinale in Bischofshofen, als er die Qualifikation gewann und schließlich aus dem ersten Durchgang plumpste.

Und dann gewann der Hochbegabte scheinbar aus dem Nichts den Weltcup in Willingen. Was folgte war ein schöner Beleg, dafür, wie viel Kopfsache doch Skispringen ist. Denn das Erfolgserlebnis hievte Wellinger auf eine Welle, die ihn durch die letzten Saisonmonate trug. In den letzten 15 Saisonspringen stand er nicht weniger als zwölfmal auf dem Podium. Einzig im famosen Österreicher Stefan Kraft fand der junge ´Deutsche seinen Meister. Die Tücke dieser seltsamen Saison hat er nicht vergessen. „Der Weltcup beginnt im November“, sagte er, „ich würde natürlich gerne die komplette Saison auf hohem Niveau springen.“ Das Dumme ist: Man kann das nicht erzwingen. Die so komplexe Sportart hat schon so manchen vermeintlichen Überflieger wieder jäh vom Himmel geholt.

Werner Schuster traut Wellinger den Verbleib ab der Spitze zu, weil seine Nummer eins in seinen Augen persönlich und körperlich einen Schritt nach vorne gemacht hat. Es ist nicht mehr viel übrig vom schlampigen Supertalent. „Er ist mit 17 hier reingeplatzt, mit 18 Olympiasieger geworden und hat dann schon ein bisschen gedacht: Das ist ja toll hier, die Welt liegt mir zu Füßen“, sagte Schuster, „jetzt ist er professionell geworden.“

Auch der Umzug gehört dazu. Die Wege sind für Wellinger nun kürzer geworden, den Abzweiger zur Fachhochschule in Ismaning, an der er Betriebswirtschaft studiert. Er kann mehr und intensiver trainieren. Das hat sich längst bemerkbar gemacht, wie der Bundestrainer feststellte. „Da liegen halt einfach mal zehn Kilo mehr auf der Hantel“, hat er beobachtet.

Viel könnte für den deutschen Frontmann davon abhängen, wie er nun aus den Startlöchern kommt. Aber vielleicht ist es ja ganz gut, dass die Saison nicht wie so oft in Finnland, sondern in Polen beginnt. Und an die Anlage von Wisla, wo nach dem Teamwettbewerb am Samstag Tags darauf auch gleich das erste Einzelspringen auf dem Programm steht, keine ganz schlechten Erinnerungen. 2013 feierte er im Sommer-Grand-Prix von Wisla seinen ersten Sieg gegegen die Weltelite überhaupt. Gut vier Monate später stand er auch gleich in einem Weltcup ganz oben. Und wo? Natürlich in Wisla. Na dann.

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