London – Der vertraute Umgang beim Händedruck am Netz erinnerte an ihre erste Begegnung auf einem Tennisplatz vor fünf Jahren. David Goffin war damals Anfang 20, er gehörte in der Rangliste nicht zu den besten Hundert der Welt und hatte vor dem Spiel verraten, dass er immer schon ein Fan von Roger Federer gewesen und mit Postern des Meisters in seinem Zimmer aufgewachsen sei. Er gewann damals in Paris immerhin einen Satz gegen sein Idol, wurde mit einer fast väterlich zugewandten Umarmung belohnt und versicherte hinterher, diesen Tag werde er nie vergessen.
Der kleine David und der große Roger – dieses Spiel der Kräfte hatte lange Bestand; in den Jahren seit der ersten Begegnung verlor Federer in gemeinsamen Spielen insgesamt nur einen einzigen Satz. Und als feststand, dass er in London im Halbfinale gegen den Belgier spielen würde, gab es viele Beobachter, die das für eine außerordentlich günstige Konstellation hielten. Er selbst offenbar auch.
Normalerweise beantworten Spieler die Frage nach einem bevorzugten Gegner für die nächste Runde mit einem neutralen ich-nehme-es-wie-es-kommt, Federer hingegen teilte mit, er spiele gern gegen den Belgier. Und der schien das Verhältnis der Kräfte noch klarer zu definieren, als er zugab, er habe bisher nie einen Weg zum Sieg gefunden und er habe, ganz ehrlich, auch keine Ahnung, was er nun im Halbfinale tun solle.
Aber da es zu den besten Zutaten des Sports gehört, dass aus heiterem Himmel bisweilen der Blitz einschlägt und es zwar Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, aber nie Sicherheiten gibt, kam alles ganz anders. Mit einem am Ende sehr souveränen Sieg gegen sein Idol (2:6, 6:3, 6:4) befreite sich David Goffin nicht nur aus der Umklammerung einer einseitigen Bilanz, er landete damit vor allem auch im Spiel um den Titel bei den ATP Finals in London.
Nach einem nervösen Anfang wurde er immer mutiger, Federer hatte das Gefühl, nicht mehr folgen zu können und fiel zurück. „Ich habe ihn sicher nicht unterschätzt“, sagte er hinterher. „Wir haben oft miteinander trainiert, und ich weiß, wie gut er spielen kann. Und er hat mich zu oft im Training abgeschossen, als dass es nicht irgendwann auch mal im Match passieren musste. Mein Spiel hat einfach nachgelassen, als er immer besser wurde.“
Aber er nahm die letzte Niederlage des Jahres nicht nur deshalb gelassen hin, weil er findet, Goffin sei ein überaus netter, sympathischer Kerl. Die Bilanz, mit der er nun die Bücher 2017 schließen wird, ist großartig. Zwei Grand-Slam-Titel stehen da in goldenen Lettern – gewonnen in Melbourne und in Wimbledon –, er sammelte fünf weitere Trophäen auf der Tour und landete wieder in der Nähe der Nummer eins. Nur fünf Niederlagen in elf Monaten (die Resultate vom Hopman Cup und vom Laver Cup zählen dabei nicht), das ist eine Bilanz wie aus den Zeiten seiner größten Dominanz zwischen 2004 und 2006. Zwei dieser fünf Niederlagen stammen aus deutscher Hand: Beim Mercedes Cup in Stuttgart verlor Federer im Juni gegen Tommy Haas und im August im Finale von Montreal gegen Alexander Zverev, der das Jahr nun auf Platz vier der Weltrangliste abschließen wird, am letzten Wochenende des Turnierjahres noch überholt von Grigor Dimitrov. Aber auch Platz vier ist die beste Platzierung eines deutschen Spielers in der letzten Weltrangliste des Jahres seit Boris Becker anno ‘95.
Das Ende aber stand im Zeichen der beiden, die im Finale spielten. Im Gruppenspiel hatte der Bulgare den Belgier vom Platz geschossen, diesmal war es eine höchst ansehnliche, von Finessen geprägte Begegnung auf Augenhöhe. Unter der Woche hatte Goffin das Kunststück fertig gebracht, zuerst Rafael Nadal zu besiegen und im Halbfinale Federer, eine Tat mit Seltenheitswert. Er wird sich daran lange erinnern, doch am Ende verlor er auch das zweite Spiel in der O2 Arena gegen Grigor Dimitrov (5:7, 6:4, 3:6), der sich nach längerem Anlauf und einer intensiven Wanderung den ersten großen Titel der Karriere schnappte. Es war eines jener Spiele, das zwei Sieger verdient gehabt hätte. Aber das sehen die Regeln ja nun mal nicht vor.