Vital mit Vidal

von Redaktion

Die Bayern feiern einen „super Spieltag“ – Heynckes findet für jeden die richtige Ansprache

VON ANDREAS WERNER

München – Im August 1965 sind die Spieler, die heute für den FC Bayern wirbeln, noch nicht mal ansatzweise in der Planung gewesen, wie man so schön sagt. Deutschland wurde von Ludwig Erhardt regiert, der Papst hieß Paul VI., und vermutlich tritt man der heutigen Generation nicht zu nahe, wenn man orakelt, dass der eine oder andere mit diesen Namen wenig anzufangen weiß. Am 14. August 1965 startete die dritte Bundesligaspielzeit. Beim 1:1 in Neunkirchen debütierte auf Seiten von Borussia Mönchengladbach ein 20-jähriger Stürmer: Josef Heynckes.

Schnitt, über 50 Jahre später: Andere Namen verblassen, doch Josef Heynckes, die Welt kennt ihn längst unter seinem Rufnamen „Jupp“, ist noch immer mitten im Geschehen. Das 3:0 mit dem FC Bayern über den FC Augsburg war sein 500. Sieg in der Bundesligageschichte – niemand hat es auf eine höhere Anzahl gebracht. Er habe eine lange Karriere als Spieler gehabt, erklärte er, „dass ich jetzt als Trainer noch einmal da bin, war so nicht vorgesehen“. Mit 72 Jahren lässt er die Bayern alles andere als alt aussehen; jedes der acht Spiele seit seiner Rückkehr wurde gewonnen. Und da die Verfolger zur gleichen Zeit sagenhaft schwächeln, ist der Vorsprung auf die Konkurrenz bereits wieder auf satte sechs Punkte angewachsen. „Das war ein super Spieltag für uns“, fand Arjen Robben. Wer dachte, diese Saison könnte mal spannend werden, sollte sich langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass bis spätestens zur Winterpause die letzten Zweifel am sechsten Titel in Serie für die Münchner beseitigt sein dürften.

Heynckes wird auf jeden Fall nicht bei 500 Siegen stehen bleiben. „Wir haben heute unsere ganze Klasse ausgespielt“, sagte der Coach. Die Mannschaft habe sich in den vergangenen Wochen „in allen Belangen verbessert“, und nur, weil Selbstlob stinkt, verkniff er sich zu sagen: Seit ich wieder hier bin. So einen Zusatz braucht es sowieso nicht, zu offensichtlich ist sein Beitrag zur Metamorphose. Sven Ulreich hält plötzlich, als wäre er ein Klon von Manuel Neuer. Mats Hummels leitet die Defensive auf eine Art, dass er mit Franz Beckenbauer verglichen wird. Javi Martinez ist der eleganteste Abräumer der Liga, und vorne lässt der Torroboter Robert Lewandowski kaum etwas liegen. Selbst der anfangs fremdelnde James gefiel am Samstag als aufgeweckter Spielgefährte von Arjen Robben. Die Leihgabe ist zudem für die Standards eingeteilt worden. Und dann war gegen die Augsburger noch ein Wirbelwind zu sehen, der zuletzt ein laues Lüftchen war. Arturo Vidal drückte der Partie seinen Kriegerstempel auf.

Sie hätten sich vor dem Anpfiff gesagt, „wir müssen Feuer machen“, verriet Robben. Hasan Salihamidzic erzählte, Heynckes finde immer „für jeden das richtige Wort“. Offensichtlich auch für Vidal, zuletzt ein Krieger a. D. auf dem Platz. Er hatte die Grenzen seiner Kräfte eher abseits ausgelotet; im Nachtleben.

Er habe mit dem Chilenen ein langes Gespräch geführt, erzählte Heynckes. „Ich habe ihm gesagt, dass ich mit seinem gesamten physischen Zustand überhaupt nicht zufrieden bin. Wenn er seine Form nicht verbessert, gibt es andere Spieler, die den Vorrang haben.“ Vidal habe das zwar anders gesehen, so der Coach, aber die Kritik stachelte den 30-Jährigen offensichtlich an. Alle Seiten attestierten ihm eine starke Trainingsleistung, und das Resultat war am Samstag zu sehen: Die Bayern waren vital. Dank Vidal und wie Vidal, der das 1:0 erzielte und das 2:0 energisch vorbereitete. Niklas Süle meinte, in der Abwehr habe man einen ruhigen Job gehabt, „weil Arturo alles abgesaugt hat – wir konnten uns hinten mal zurücknehmen“.

Ihn habe die Leistung nicht verwundert, „ich weiß ja, was Arturo kann“, meinte Heynckes, der den Chilenen einst bereits in Leverkusen trainierte. „In dieser Verfassung ist er super für uns“, meinte Süle. Vidal sagte, er sei „sehr zufrieden – es war eine physisch schwere Partie“. Er habe gut trainiert, denn man brauche 100 Prozent. Sein Verhältnis zu Heynckes sei sehr gut, meinte er. Der Trainer hat seine Kniffe, um an jeden heranzukommen. Er begann ja auch schon 20 Jahre vor Vidals Geburt, sie zu lernen.

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