München – Gegen 20.20 Uhr schritten die Löwen-Spieler vor die Westkurve, bereit für die üblichen Verbrüderungsszenen. Jubel brandete auf. Die Ultras im voll besetzten Fanblock sangen: „Sechzig ist der geilste Klub der Welt.“ Minutenlang ging das so. Arm in Arm schunkelte die Mannschaft im Takt. Alles eigentlich wie immer im Epizentrum der 1860-Leidenschaft. Nur ein paar Dinge waren anders gestern: Die Spieler trugen Trainingsanzüge, sie waren auch nicht wirklich ausgepowert. Und überhaupt: Es war so düster im Stadion an der Grünwalder Straße wie sonst nur beim traditionellen Adventsingen.
Ein technischer Defekt an der Flutlichtanlage hatte kurzfristig dazu geführt, dass das Spiel gegen Buchbach abgesagt wurde und 12 500 Fans zurück nach Hause oder in die umliegenden Kneipen trotteten. Um 19.54 Uhr hatte es im mit Notstrom betriebenen Lautsprecher geraschelt – Stadionsprecher Stefan Schneider meldete sich zu Wort und spielte notgedrungen den Partykiller. „Die Tickets behalten selbstverständlich ihre Gültigkeit“, sagte er zum Abschluss seiner Durchsage, und nur vereinzelt gab es Pfiffe. Dank der Liveticker im Internet und altmodischer Flüsterpost hatten sich die Beteiligten schon ab ca. 19.30 Uhr auf diesen Moment vorbereiten können.
Die Zuschauer, die draußen vor Absperrbändern gewartet hatten, zogen von dannen. Sport1 beendete seine Liveübertragung, noch ehe sie richtig angefangen hatte. Die Löwen-Spieler stellten ihre Torschussübungen ein, die die Fans im Dämmerlicht beklatscht hatten. Und auf dem Rasen steckten die Funktionäre die Köpfe zusammen.
Da die Regionalliga Bayern eine Liga der kurzen Wege ist, konnte BFV-Präsident Rainer Koch bereist eine halbe Stunde nach der Spielabsage ein erstes Statement abgeben. „Natürlich ist das eine missliche Situation“, sagte er: „Das Stadion wäre ausverkauft gewesen. Für Ende November waren es wunderbare Fußball-Bedingungen. Nach der Hinspielniederlage der Sechziger in Buchbach wäre das der perfekte Rahmen für eine Revanche gewesen.“
Darauf müssen alle Beteiligten nun vier bis fünf Monate warten. Spielleiter Josef Janker habe bereits mit den Verantwortlichen beider Vereine gesprochen. „Es sieht alles danach aus, dass das Spiel im März 2018 nachgeholt wird“, sagte Koch und warb um Verständnis für den abrupt beendeten Abend: „Es ist alles versucht worden, um Notstromlösungen zu finden, aber man sieht ja: Es ist zu dunkel zum Spielen.“
Nicht aber, um den Abend humoristisch aufzuarbeiten. Auf die scherzhafte Frage, ob bei den Löwen jetzt generell die Lichter ausgehen, sagte Vize Heinz Schmidt: „Nein . . . und die Stromrechnung haben wir auch bezahlt.“ Auch der dunkelhäutige Rechtsverteidiger Nono Koussou erntete ein paar Lacher. Fröhlich ließ er sich mit den Einlaufkindern fotografieren und sagte ins Halbdunkel: „Aber bitte mit Blitz, sonst sieht man mich nicht.“
Solche Szenen bleiben hängen wie das Geisterspiel im August. Hängen bleiben auch die feiernden Fans, die erst das Stadion verließen, als es schon auf 21 Uhr zuging. „Das ist 1860“, sagte Kapitän Felix Weber beeindruckt: „Das gibt’s bei keinem anderen Klub. Einfach geil.“ Die Spielansage bedauert er allerdings: „Wir waren gut drauf und sehr heiß auf dieses Spiel.“ Mit einem Trainingsmatch zehn gegen zehn will Daniel Bierofka heute dafür sorgen, dass das Team zumindest im Wettkampfmodus bleibt. Am Sonntag steht ja schon das nächste Derby an, es geht zu 1860 Rosenheim.
Das Schlusswort sprach dann wieder Koch, der BFV-Chef mit dem Löwen-Herz: „Es ist halt eine weitere Episode in der langen Geschichte des TSV 1860. Aber: Macht keine Story draus. Es ist ein Städtisches Stadion, und nach Lage der Dinge tragen die Sechziger keine Verantwortung für die Spielabsage.“