NACHRUF

Grafs legendäre Gegnerin

von Redaktion

Trauer um Jana Novotna, die mit 49 Jahren einem Krebsleiden erlag

Von Kristof STÜHM

Prag – Jana Novotna weinte bitterlich, sie rieb sich die roten Augen. Im Wimbledon-Finale 1993 sah sie schon wie die sichere Siegerin aus, doch dann holte Steffi Graf wieder den Titel. Und so ging Novotna mit Tränen im Gesicht als Geschlagene auf die Duchess von Kent zu, um sich ihren Silberteller für Platz zwei abzuholen. Die Herzogin reagierte königlich gefühlvoll, sie redete Novotna gut zu und zog sie schließlich liebevoll an ihre Schulter. Novotnas Körper bebte.

Die rührenden Bilder gingen damals um die Welt. „Ich war in den ersten Sekunden sehr glücklich. Dann sah ich sie. . .“, sagte Steffi Graf einmal über diesen Moment. Nun erinnern sich die Tennis-Fans wieder an diese Szene, Novotna verstarb am Sonntag im Alter von nur 49 Jahren friedlich im Kreis ihrer Familie. Die Tschechin hat ihren langen Kampf gegen den Krebs verloren.

„Nach meiner Niederlage habe ich meine Gefühle rausgelassen und den Zuschauern die menschliche Seite des Tennis gezeigt. Damit habe ich mich trotz Niederlage genauso zu einer Gewinnerin gemacht“, sagte Novotna einmal über das dramatische Finale. Novotna führte im dritten Satz schon 4:1, 40:30 stand es bei eigenen Aufschlag, sie hatte also Spielball zum 5:1. Doch plötzlich kippte die Partie. Doppelfehler Novotna, die Blondine mit dem Stirnband verschlug auf einmal einfachste Bälle, sie hatte ihre Nerven wie so oft nicht im Griff. Graf beendet das Match dann mit einem Schmetterball.

Novotna bezeichnete sich als „sehr sensibel“, sie sei „nie eine dieser Tennis-Maschinen“ gewesen, „die auf den Ball einschlagen und keine Gefühle zeigen.“ 24 Titel gewann sie im Einzel, im dritten Anlauf 1998 dann auch in Wimbledon (gegen Nathalie Tauziat), Novotna war zu ihren besten Zeiten die Nummer zwei der Welt. Viele Experten hatten der Rechtshänderin noch mehr Erfolge zugetraut, doch zu oft verlor sie die Nerven.

„Ich bin am Boden zerstört und mir fehlen die Worte – Jana war eine echte Freundin und tolle Frau“, twitterte Martina Navratilova. Auch die große Pam Shriver kondolierte: „Ich kann nicht glauben, dass sie so früh gegangen ist. Ihr Lächeln wird für immer jung weiterleben.“

1999 beendete Novotna ihre Karriere, 2005 wurde sie in die Hall of Fame aufgenommen. Und immer wieder wurde sie auf dieses eine Match im Sommer 1993 in Wimbledon angesprochen, nach dem sie unter Tränen – aber dennoch stolz – ihren Silberteller in die Höhe hielt.

Artikel 5 von 11