tennis

Nach Rückschlägen an der Spitze

von Redaktion

Dem talentierten Grigor Dimitrov gelingt endlich der erste große Sieg

von doris henkel

London – Am Tag nach dem ersten ganz großen Sieg seiner Karriere freute sich Grigor Dimitrov auf einen großartigen Morgen. Auf einen der wenigen ohne einen einzigen Gedanken an Training und Arbeit. Davon gäbe es ja nicht allzu viele im Jahr, hatte er am Abend zuvor gesagt. Der Genussfaktor wird im Leben des 26 Jahre alten Bulgaren vermutlich immer eine Rolle spielen. Der Mann ist Weltbürger mit einem Sinn für alles Schöne; er wurde in Kalifornien, Barcelona und Paris erwachsen, jetzt lebt er in Monte Carlo, und in diesem Jahr scheint alles auf fast perfekte Art zusammen zu passen.

Mit dem Titel bei den ATP Finals in London, gewonnen gegen den eindrucksvoll spielen Belgier David Goffin, landete Dimitrov auf einem Podium, auf dem schon lange ein Schild mit seinem Namen stand. Als Teenager war er einer der besten Junioren der Welt, mit Anfang 20 kam er in jeder Diskussion über die Zukunft des Männertennis vor, und die Vergleiche seiner Spielweise mit der des großen Roger Federer lagen auf der Hand. Inzwischen hat er sich von diesem Muster ein wenig entfernt, aber eine gewisse Nähe zu Federer ist geblieben, wie jene Videos vom Beginn des Jahres beweisen, die ihn als Mitglied eines besonderen Gesangstrios mit Federer und Tommy Haas zeigen, der vergleichsweise untalentierten, aber fröhlichen One-handed-backhand-boys.

Vor drei Jahren hatte es schon mal so ausgesehen, als stehe Dimitrov unmittelbar vor dem Sprung an die Spitze. Er gehörte zu den Top Ten und landete im Halbfinale von Wimbledon, aber danach ging vieles daneben, unter anderem auch seine Beziehung zur nicht ganz unbekannten Kollegin Maria Scharapowa. Er rauschte in der Weltrangliste in die Tiefe, und irgendwie konnte das keiner verstehen. Ein Typ mit so viel Talent. Aber Talent allein nützt bekanntlich gar nichts.

„Wenn du an der Spitze landen willst, gibt es keine Abkürzung“, sagt Dimitrov. Er habe damals die richtige Form von Arbeit herausfinden müssen, wer die richtigen Leute für ihn seien und auf welche Menschen er sich verlassen könne. Im Sommer 2016 landete er bei der Suche nach dem richtigen Coach bei Dani Vallverdu, der zwar nur fünf Jahre älter ist als er selbst, aber wertvolle Kenntnisse aus seiner gemeinsamen Zeit mit Andy Murray mitbrachte.

Vallverdu ist ein strenger Coach, und es sieht so aus, als sei das genau der richtige Ansatz für Bulgariens Besten, der manches ein wenig blumiger sieht. In dessen Beschreibung treffen sich beide Welten. „Egal, womit du dich beschäftigst“, sagt Dimitrov, „wenn du deine Grenzen jeden Tag nach vorn schiebst und wenn du hart arbeitest, dann ist alles möglich. Du kannst jeden Tag davon träumen, und ich bin so ein Träumer.“

Schon vor dem Sieg gegen Goffin hatte festgestanden, dass Grigor Dimitrov das Jahr auf Platz drei der Weltrangliste abschließen würde. Was ihm fast ein wenig unwirklich vorkommt, denn die Zeit in einer ganz anderen Etage liegt nicht lange zurück; damals fragte er sich, was er anstellen sollte, um überhaupt drei Bälle nacheinander ins Feld zu schlagen.

Artikel 6 von 11