Alles im Fluss

von Redaktion

In Anderlecht befürchtet der FC Bayern keinen Spannungsabfall – weil der Trainer ihn nicht erlaubt

von marc beyer

München – Man weiß nicht, wie im Hause Rummenigge Weihnachten gefeiert wird. Man weiß seit gestern nur, was sicherlich nicht geschehen wird. „Ich bin nicht dafür bekannt, dass ich ,Dreaming of a White Christmas’ von mir gebe“, verriet Karl-Heinz Rummenigge, kurz bevor er mit dem FC Bayern zum heutigen Champions League-Spiel nach Anderlecht aufbrach (20.45 Uhr/ZDF). Genau genommen hatte sowieso niemand erwartet, dass der Vorstandsvorsitzende am Heiligen Abend Bing Crosby anstimmt, aber es ging auch nur im übertragenen Sinne um Weihnachten. Eigentlich ging es um Wunder.

Am 5. Dezember, einen Tag vor dem Nikolaus, kommt Paris St. Germain zu Besuch. Das letzte Treffen erschütterte die Bayern sportlich und personell in ihrem Innersten. Einen Tag nach dem 0:3 im Prinzenpark musste Carlo Ancelotti gehen, wenig später kam Jupp Heynckes, und seitdem ist alles gut.

Ist es so gut, wurde Rummenigge also am Flughafen gefragt, dass man im allerletzten Vorrundenspiel den Franzosen doch noch den Gruppensieg streitig machen kann? An dieser Stelle kam Rummenigge mit Crosby. Ein 4:0 gegen PSG (alternativ ein 5:1 oder 6:2) sei noch unwahrscheinlicher als weiße Weihnachten. Man solle nur bedenken, dass sie in den bisherigen vier Partien „alles weggeputzt“ und dabei ein Torverhältnis von 17:0 aufgebaut hätten. Zusammengefasst: Ein Tor gegen Paris wird schon schwierig, vier wären die reine Utopie. Andererseits umspielte in diesem Moment ein Lächeln Rummenigges Lippen, und wenige Minuten später antwortete Arjen Robben auf die gleiche Frage vielsagend: „Man weiß ja nie.“

Man hätte fast vergessen können, dass heute Abend erst noch der Besuch beim belgischen Meister Anderlecht ansteht. Wie PSG hat der FC Bayern bereits das Achtelfinale erreicht, weswegen die Aufstellung gegen den Tabellenletzten der Gruppe B der Bedeutung des Spiel angemessen sein dürfte. Thomas Müller, der sich gerade erst von einer Muskelverletzung erholt hat, trat die Reise ebenso wenig an wie David Alaba (Rücken verdreht) und Rafinha (Schlag auf den Knöchel). Bei beiden will Heynckes kein Risiko eingehen. Schon am Samstag steht das Spitzenspiel in Mönchengladbach an. Noch andere Spieler (Hummels, Martinez, Coman) kämen für ein Päuschen in Frage.

Der Kader sollte immer noch ausreichend Qualität haben, um in Belgien zu bestehen. Pflichtschuldig wies Rummenigge darauf hin, dass schließlich Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung vergeben würden, „und es geht auch um Geld“. Vor allem aber wollen die Bayern den Schwung beibehalten, den sie in den vergangenen acht siegreichen Spielen aufgenommen haben. „Man muss einfach im Flow bleiben“, fordert ihr Boss. Zweifel daran hat er nicht, und dass die kommode Ausgangsposition einen Spannungsabfall bewirken könnte, befürchtet Rummenigge schon aus einem ganz einfachen Grund nicht: „Jupp wird das gar nicht zulassen.“

So ist das jetzt wieder bei den Bayern. Schlechtere Leistungen werden schon deshalb ausgeschlossen, weil sie vom Trainer nicht autorisiert sind. Alles ist im Fluss, nirgendwo hakt oder stockt es, und auch für die Jahreshauptversammlung am Freitagabend erwartet Rummenigge einen „lockeren“ Verlauf. Schließlich sei die wirtschaftliche und sportliche Bilanz bestens. Man wolle „in allen drei Wettbewerben überwintern“, sagt Rummenigge.

In der Liga bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, und neben der Champions League hat man auch im Pokal gewisse Ambitionen. Der nächste Gegner Borussia Dortmund jagt dem Vorstandsboss keine große Angst ein. Rummenigge hat es zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass vor zwei Monaten, als die Vorzeichen noch völlig anders waren, „mein Dortmunder Kollege sich Ratschläge gespart hat“, und verfährt nun genauso. Aber sein Hinweis, der BVB werde schon „irgendwann wieder gewinnen“ und die Krise beenden, klingt so, als blicke er weit voraus. Auf einen Punkt in ferner Zukunft, wenn Weihnachten ebenso vorüber ist wie das Pokalduell.

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