Der BVB und das „Diamantenauge“

Teurer Kompromiss

von Redaktion

Von Sven Mislintat weiß die Welt nicht viel. Sein Spitzname „Diamantenauge“ mag gerade die Runde machen, aber die Person dahinter ist der Öffentlichkeit nahezu unbekannt und will es auch bleiben. Diskretion ist in seinem Beruf wichtig. Interviewanfragen lehnte sein Klub Borussia Dortmund mit der Begründung ab, Mislintat führe solche Gespräche aus Prinzip nicht. Und nun ist es zu spät.

Der Mann, der dem BVB zu einigen seiner besten Transfers verhalf, hat selber den Verein gewechselt und sich dem FC Arsenal angeschlossen. Spektakulär ist daran nicht nur die Ablöse. Zwei Millionen Euro sind im europäischen Top-Fußball ein Witz, aber für einen Chefscout (auch wenn der in Dortmund zuletzt den Titel „Leiter Profifußball“ trug) gar nicht so wenig Geld. Den Schaden für die Borussen wird diese Summe trotzdem nicht aufwiegen.

Jahrelang galten sie als die Besten und Findigsten, wenn es draum ging, die Stars von morgen und übermorgen aufzuspüren. Ousmane Dembélé kam für 15 Millionen und ging nach einem Jahr für 100 bis 150 Millionen wieder. Das war ein Coup von Mislintat, genauso wie die Personalien Lewandowski, Aubameyang oder Kagawa. Der Mann mit dem Auge für Diamanten sollte in Dortmund den Status eines Vereinsheiligen besitzen. Stattdessen bekam er nach einem Streit mit dem Trainer Thomas Tuchel Hausverbot.

Vielleicht muss man tief im Profifußball verwurzelt sein, um zu verstehen, wie ein Disput über einen Transfer (es ging damals um Oliver Torres von Atletico Madrid) derart eskalieren konnte. Wahrscheinlich ist er aber selbst dann ein Mysterium. Der folgende Kompromiss – Mislintat hielt Abstand zur Mannschaft, wurde dafür aber befördert – half niemandem. Weder dem Trainer, der die Wertschätzung des Klubs für den Widersacher zur Kenntnis zu nehmen hatte. Noch dem Scout, der in einem zentralen Teil des eigenen Unternehmens nicht mehr erwünscht war. Am allerwenigsten aber diente das Konstrukt dem BVB, wie sich nun zeigt.

In einem selten öffentlichen Wortbeitrag hat Mislintat erklärt, ohne den Streit und seine drastischen Folgen wäre er wohl nie auf die Idee gekommen zu gehen. Beim FC Bayern, wo Mislintat viele Bewunderer hat, wird man aufmerksam verfolgt haben, wie der Ligarivale einen Premiummitarbeiter verlor, den er nie hätte verlieren dürfen. Einer der Trainerkandidaten für den Sommer ist Thomas Tuchel.

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