Ein teuer erkaufter Sieg

von Redaktion

Thiago und Robben verletzen sich beim mühsamen 2:1 des FC Bayern in Anderlecht

von roy mansen

Brüssel – Die Haare sind ein bisschen grauer geworden, aber immer noch lang und dicht, und auch der Antritt des Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist unverändert respektabel. Der Mediziner ist nun wieder sehr präsent beim FC Bayern, aber so präsent hätte er dann doch nicht sein müssen. Als er gestern Abend beim Champions League-Spiel in Anderlecht zu einem seiner berühmten Sprints ansetzte, war das kein gutes Zeichen. Müller-Wohlfahrt verringerte das Tempo gleich wieder, ihm war schon signalisiert worden, dass Thiago das Feld verlassen müsse. Der Spanier hatte sich kurz vor der Pause verletzt. Erste Diagnose: „Muskelverletzung, wahrscheinlich schlimmer“ (Jupp Heynckes). Bald nach dem Wiederanpfiff musste auch noch Arjen Robben nach einem rustikalen Einsatz eines Belgiers runter.

Dafür, dass es in diesem Spiel für die Bayern um nicht mehr viel ging, passierte beim 2:1-Sieg, den Robert Lewandowski (51.) und Corentin Tolisso (77.) nach desolater erster Hälfte sicherstellten, also ziemlich viel. Dass es gut ausging, war für Jerome Boateng noch lange kein Grund, zufrieden zu sein: „Das ist nicht unser Anspruch. Heute muss sich jeder an die eigene Nase fassen.“ In der Pause, berichtete er, sei der Trainer ziemlich laut geworden.

Partien wie diese, bei denen die sportliche Brisanz für die Bayern so überschaubar ist wie die bisherige Punkteausbeute des RSC Anderlecht (null), sind dankbare Termine, um auch den hinteren Reihen des Kaders etwas Spielpraxis zu verschaffen. Männer wie Tolisso und Sebastian Rudy kamen deshalb zu ihrem Recht, und überraschend auch Linksverteidiger Marco Friedl (19). Der Österreicher bekam dann auch gleich eine Menge Arbeit, denn die belgische Offensive orientierte sich zielstrebig auf die Seite des Debütanten.

Für Anderlecht ging es darum, den Europa League-Platz nicht aus den Augen zu verlieren. Entsprechend engagiert gingen die Gastgeber bei ihren frühzeitigen Störmanövern zu Werke und oft auch ziemlich resolut. Arturo Vidal und Tolisso bekamen das in der Anfangsphase auf die harte Tour zu spüren. Die Bayern hatten dem Gegner nicht viel entgegen zu setzen.

Allein Teodorczyk, der Back-up-Stürmer für Lewandowski (in der polnischen Nationalmannschaft), hätte bis zur Pause einen bequemen Vorsprung herausschießen können, wenn ihm nicht immer wieder Sven Ulreich im Weg gestanden wäre. Erst bewährte sich der Schlussmann im Eins-gegen-Eins (8.), dann verkürzte er geschickt den Winkel und provozierte einen Fehlschuss (33.), ehe er mit starker Fußabwehr den Polen endgültig zur Verzweiflung brachte (39,). Weil auch Rechtsverteidiger Appiah erfolglos sein Glück versuchte (17.), gingen die Belgier mit dem frustrierenden Gefühl in die Kabine, weit unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein.

Und die Bayern? Taten sich schwer, auch nur in die Nähe des RSC-Tores zu kommen. Der robuste Widerstand der Belgier machte jeden gepflegten Spielaufbau zunichte, und manchmal schien es, als würden die Gäste im Zweifelsfall lieber den Fuß zurückziehen, als in einem zweitrangigen Spiel eine Blessur zu riskieren. Am gefährlichsten war noch ein Versuch Lewandowskis (37.), aber den Torschrei auf den Lippen hatten die Gäste auch in diesem Moment nicht.

Dann ging Thiago, der sich in einem eher unspektakulären Zweikampf mit Kums wehgetan hatte (43.), und wenig später Robben, dem Spajic gelbwürdig zu Leibe gerückt war (47.). Lewandowskis Führungstor nach Tolissos Zuspiel schien dem Abend dennoch eine versöhnliche Note zu verleihen (51.), zumal die Bayern mit dem 1:0 im Rücken endlich sicherer und zwingender agierten. Doch der Anderlechter Ausgleich durch Hanni, der aus sieben Metern ungehindert einschießen konnte, ernüchterte die Bayern gleich wieder (63.).

Kurz zuvor hatte Lewandoski eine rüde Attacke von Spajic (die nicht mal mit einem Freistoß geahndet wurde) glimpflich überstanden, sonst wäre es endgültig ein fataler Abend gewesen. So aber endete er für die Münchner versöhnlich. Tolisso erzielte per Kopf das 2:1, das für die Bayern den vierten Sieg im fünften Spiel bedeutete und ihnen die – sehr theoretische – Chance auf den Gruppensieg lässt. Sie brauchen dazu nur haushoch gegen Paris St. Germain zu gewinnen. Die torhungrigen Franzosen stellte gestern einen neuen Vorrundenrekord in der Königsklasse auf. 24 Treffer sind ihnen schon gelungen. Und ein Spiel haben sie ja noch vor sich.

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