„Ich kann jeden Wettkampf rekonstruieren“

von Redaktion

Buchautor Hambüchen über mentales Training, den Streit seines Lebens, 70 identische Interviews und Gold, Gold, Gold

München – Den richtigen Absprung hat Fabian Hambüchen immer noch nicht gewagt. Anfang Dezember steht für den 30-Jährigen der nächste Wettkampf an, im Bundesliga-Finale kämpft er knapp eineinhalb Jahre nach seinem Olympiasieg mit der KTV Obere Lahn um Bronze. Auch wenn er seine internationale Laufbahn beendet hat: Fit ist Hambüchen nach wie vor, körperlich und vor allem im Kopf. Ein langer Weg, den er im Buch „Den Absprung wagen“ beschreibt.

-Herr Hambüchen, nach Ihrer ersten Olympia-Teilnahme 2004 in Athen haben Sie 70 Interviews gegeben. Wieviele sind es seit der Veröffentlichung Ihres Buches?

Boah, das ist eine gute Frage – aber es geht eigentlich. Alles in allem sind es schon an die 25 oder 30, aber sie schlauchen mich definitiv nicht mehr so wie damals (lacht).

-Weil Sie gereift sind, wie man in Ihrem Buch liest.

Das zum einen. Und zum anderen: Das damals war ja einfach verrückt. Da hat sich von heute auf morgen schlagartig mein ganzes Leben geändert. Jeder wollte was von mir – und wir alle waren vollkommen überfordert. Ich hatte sowieso keinen blassen Schimmer von Medienarbeit, und der Deutsche Turnerbund hatte so eine Situation auch noch nie davor erlebt. Das war schon brutal.

-Es hat Sie aber wachsen lassen, oder?

Sagen wir so: Nach der Woche in Athen war ich auf jeden Fall eingearbeitet, das war ein echter Crashkurs (lacht). Ich habe 70 Mal ungefähr dasselbe erzählt. Aber über die Jahre – und vor allem ziemlich schnell nach Athen – haben wir Strategien entwickelt, welche Termine möglich sind und welche nicht. Da haben wir Erfahrungen gesammelt – das war auch einer der wichtigen Reifeprozesse meiner Karriere.

-Im Buch beschreiben Sie viele Prozesse, insbesondere den von Bronze in Peking, Silber in London und Gold zum krönenden Abschluss in Rio. Ein Schlüsselerlebnis ist der Streit mit Ihrem Vater und Trainer Wolfgang, der Sie im Jahr 2013 als „arrogantes Arschloch“ bezeichnete. Waren Sie das?

Ich war es damals nicht und bin es heute auch nicht (lacht). Aber die Situation in der Halle hat sich so hochgekocht, dass meinem Vater nichts anderes übrig blieb, als mir so ein krasses Ding an den Kopf zu werfen. Dann habe ich ja angefangen, nachzudenken. Wir reden inzwischen viel offener und direkter über Probleme. Damals aber war es das Beste, das passieren konnte – denn es war am Ende der Grund, dass wir das Ding noch mal durchgezogen haben. Ohne diesen Streit wäre ich womöglich nie Olympiasieger geworden.

-Was hat Ihr Vater gesagt, als er Ihr Buch gelesen hat? Es beschreibt ja auch seinen Weg.

Er hat es vorab gelesen und er fand es super, er fand auch seine Rolle genau richtig dargestellt. Man muss ja schon sagen, dass er, ich und mein Onkel Bruno, mit dem ich Mentaltraining betreibe, ein super Gespann geworden sind. Mein Ghostwriter Kai Psotta hat auch viel mit Papa und Bruno gesprochen – ihre Perspektiven sind also auch Teil des Buches. Bei jedem kam irgendeine Kleinigkeit hinzu, die der andere nicht mehr wusste. Das hat das ganze Werk rund gemacht – und zeigt auch, dass wir ein gutes Team waren bzw. sind.

-Ihre Perspektive ist sehr offen und vor allem tiefgründig beschrieben. Haben Sie Ihre Karriere für dieses Buch noch mal im Schnelldurchlauf erlebt?

Sehr, sehr ausgiebig und intensiv. Wenn man so richtig in den Wunden bohrt – was zum Beispiel Peking angeht, wo ich als haushoher Favorit „nur“ Bronze geholt habe, oder Stresssituationen mit meinem Vater –, dann sind das nicht nur angenehme Gespräche. Wenn man versucht, noch mal zu spüren, was man damals gefühlt hat, wie man das alles erlebt und verarbeitet hat, dann ist das teilweise schon hart. Das ist eine echte Achterbahnfahrt, ein Gefühlschaos. Auch eine Situation in London, wo ich nach dem Mehrkampf ohne Medaille frustriert und ratlos war, mich mit meinem Onkel in einem Café getroffen habe – und auf einmal Tränen flossen.

-Flossen auch bei der Nachbetrachtung Tränen?

Nein, nein, die konnte ich unterdrücken. Aber es war nicht so, dass ich freudestrahlend aus dem Raum gegangen bin.

-Erleben Sie – als jemand, der seit Jahren mentales Training betreibt – solche Rückblicke intensiver als andere Menschen?

Das kann gut sein, aber ich bin sowieso von Haus aus jemand, der die ganzen Wettkämpfe, Erlebnisse sehr gut rekonstruieren kann. Ich kann von jedem Wettkampf meiner Karriere sagen: So lief die Übung. Das habe ich gut gemacht. Das habe ich falsch gemacht. Das ist alles eingebrannt. Trotzdem ist es sicher so, dass die mentalen Trainings das Ganze noch mal verstärken. Das ist ja nicht immer gleich gewesen, sondern sehr, sehr unterschiedlich.

-Wie im Alltag bei jedem Menschen. Sie halten Vorträge über mentales Training. Welche Tipps geben Sie Ihren Zuhörern?

Bei meinen Vorträgen hangel ich mich ein bisschen an meiner Karriere entlang und versuche dann, die Brücke zu schlagen zu denen, die vor mir sitzen. Da gibt es Vieles, das man von meinem Weg lernen kann.

-Zum Beispiel?

Grundsätzlich positiv zu bleiben. Wir Deutschen haben ja so etwas an uns, dass wir sehr pessimistisch sind, uns gut in Sachen reinsteigern können. Das klassische Beispiel ist das halbvolle oder halbleere Glas. Ich denke immer an das Glas, das halbvoll ist. Ich will den Menschen mit auf den Weg geben, dass sie sich ein Ziel setzen, sich aber nicht krampfhaft darauf fokussieren, sondern überlegen sollen: Wie sieht der Weg dahin aus? In Peking habe ich nur an Gold, Gold, Gold gedacht – aber total vergessen, was ich dafür machen muss.

-Konkretisieren Sie!

So ist es doch auch, wenn ein Verkäufer einem anderen etwas verkaufen will und nur daran denkt, dass er das unbedingt schaffen möchte. Er braucht erst mal ein verständliches Konzept und Argumente. Grundsätzlich sollte man sich mental mit den Dingen beschäftigen, die man beeinflussen kann. Du kannst in der Vergangenheit rumkramen, Jahre in die Zukunft schauen – aber warum sollte man dafür Energie verschwenden? Mein Schlüssel zum Erfolg war es, in Rio einfach bei mir zu sein. Ich wusste aus Erfahrung – aus Jahren, in denen ich nicht alles richtig gemacht habe –, wie ich mich von allen äußeren Dingen abschotten, zu 100 Prozent funktionieren kann.

-Fallen Sie manchmal zurück in alte Muster?

Natürlich, man erwischt sich immer wieder. Man darf es auch nicht falsch verstehen: Mentaltraining ist weder eine Garantie, dass es klappt, noch Zauberei. Es ist letztendlich eine Unterstützung, eine Hilfe, die funktionieren kann, aber nicht immer funktioniert.

-Der Schluss des Buches – Ihr Olympiasieg – heißt „Die Vollendung“. Würde dieses „100 Prozent Fokussiertsein“ nun immer wieder klappen, wenn Sie weiter bei Olympischen Spielen antreten würden?

Wie gesagt: Keine Garantie. Ich weiß nur, dass an diesem Tag alles stimmte. Da kam alles zusammen. Ich war fokussiert – weil ich keinen Mehrkampf mehr geturnt habe, sondern nur drei Geräte. Ich war einfach saufit, obwohl ich bis drei Monate vorher nicht mal meinen Arm heben konnte. Und der Kopf war zu 100 Prozent da. Das wäre wahrscheinlich vier Jahre vorher noch nicht so gegangen. Abgefahren war das!

-Das Olympia-Feeling werden Sie in Pyeongchang als TV-Reporter für Eurosport erleben. Das wird weniger intensiv, oder?

Bestimmt anders. Das olympische Feeling wird rüberkommen, das spürt man ja in der ganzen Stadt, im ganzen Land. Aber ich finde es viel spannender, mal auf der anderen Seite zu stehen. Wir Sportler regen uns oft über die Fragen der Journalisten auf – ich bin gespannt, ob mir etwas Clevereres einfällt (lacht).

-Und dann gibt es ein drittes Buch?

Momentan erst mal nicht – aber mal gucken, was noch kommt. Wenn ich eine Trainerlaufbahn einschlage und nach zehn bis 15 Jahren merke: Oh, jetzt ist genug Stoff da – warum nicht? Aber ich finde es schwierig, wenn man denkt, man muss jetzt alle paar Jahre ein neues Buch rausbringen. Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Buch lagen knapp zehn Jahre. Ich hatte jetzt wirklich was zu erzählen.

-Das erste Buch wurde öffentlich teilweise kritisiert. Bereuen Sie es?

Nein, gar nicht. Da waren ein paar Dinge drin – vor allem private –, die ich jetzt nicht mehr so schreiben würde. Aber ich habe es auch bewusst so gestaltet, dass man meine beiden Bücher nicht vergleichen kann. Im aktuellen Buch gehen wir ja noch mal meine ganze Karriere durch. Aber es ist viel reifer, erwachsener, reflektierter. Die Kernbotschaften sind von Vornherein klar gewesen – das war bei meinem ersten Buch nicht so. Da war ich 21, 22 Jahre alt. Das jetzt ist eine ganz andere Hausnummer. Mit dem Buch kann ich richtig arbeiten.

-Indem Sie auch anderen Sportlern helfen?

Genau. Heute habe ich erst wieder eine Nachricht bei Facebook bekommen, in der sich ein junger Sportler, der 18 Jahre alt ist, für das Buch bedankt hat. Er schrieb, dass er sich mental jetzt viel stärker fühlt, allein mit dem Bewusstsein, dass nach Tiefen wieder Höhen kommen. Dass er sich in einem Tief überlegt: Wie komme ich da wieder raus? Was ist positiv? Wie finde ich meine Motivation, meinen Ehrgeiz wieder? Ich freue mich, wenn ich da helfen kann. In Deutschland herrscht ja leider oft die Meinung: Wenn man mit einem Psychologen arbeitet, muss man einen an der Klatsche haben. So ist es nicht. Also zumindest bin ich der Meinung, dass ich keinen an der Klatsche habe (lacht).

Interview: Hanna Raif

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