Der selige Sepp Herberger hätte am modernen Fußball keine Freude gehabt. Eine seiner wichtigsten Maximen – „Das Spiel dauert 90 Minuten“ – ist längst hinfällig. Das Revierderby am Samstag etwa war erst nach der 97. beendet. Für die Gastgeber aus Dortmund war das ungünstig, weil sie sich so noch das 4:4 fingen. Andererseits ist diese Sichtweise wie so oft im Leben eine Frage der Deutung. Ein 100-Minuten-Spiel hätte der BVB wohl 4:5 verloren.
Für Fußball-Romantiker (sofern sie nicht aus Dortmund stammen) ist es beruhigend, dass selbst im modernen, durchchoreographierten, streng auf Marketingtauglichkeit getrimmten Stromlinienfußball Dinge geschehen, die es so noch nie gab und die man für unmöglich gehalten hätte. Hätte bisher ein Trainer beim Stand von 0:4 seiner Mannschaft zur Pause ein beschwingtes „Da geht noch was“ zugerufen, wäre er ausgelacht oder hochkant aus der Kabine befördert worden. Seit Samstag aber weiß auch der deprimierteste Kicker: Klar geht da noch was.
Die aberwitzige Dramaturgie hat den jungen, manchmal etwas neunmalklug wirkenden Domenico Tedesco in ungeahnte Höhen befördert und kann seiner Mannschaft für die weitere Saison Flügel verleihen. Gerade eine Mannschaft wie Schalke, die umgekehrt aus nichtigsten Gründen kollabieren kann, ist empfänglich für eine solch emotionale Schubkraft.
Noch spannender ist die Frage, was dieses Derby aus der Borussia macht. Es war ja nicht nur die desolate zweite Halbzeit zu bestaunen. Sondern auch furiose erste 25 Minuten, gegen die selbst der brillante Saisonstart verblasste. Das Team, das Weltklasse ebenso im Repertoire hat wie das Abwehrverhalten eines Bezirksligisten, dürfte den Ballast dieses Spiel nicht so leicht ablegen. Dazu müssten sie erst ein paar Spiele gewinnen, und das möglichst ohne Gegentor. Denn bei den schwer traumatisierten Dortmundern kann momentan jeder Treffer den Untergang einleiten.
Kurioserweise haben sie gleichzeitig den Trend der letzten Wochen umgekehrt und den Rückstand auf den FC Bayern verkürzt: von neun Punkten auf acht. Aber auch acht Zähler Rückstand holt der BVB nie im Leben auf. Obwohl: Er hat zuletzt ganz andere Wunder vollbracht.