Augsburg – 90 Minuten reichten nicht für diese Fülle an Ereignissen, es wurden – wegen zweimal vier Minuten Nachspielzeit – 98. Was da alles vorkam: ein Torwart-Klops (von Marwin Hitz, Augsburg) für die Jahresrückblicke, ein neues Gefühl für Wolfsburg unter dem neuen Trainer Martin Schmidt (erste Niederlage im zehnten Pflichtspiel) und wieder reichlich Stoff für die Diskussion um die Stellung des Schiedsrichters in der Gesellschaft.
2:1 gewann der FC Augsburg das Spiel, für das alle Matchpläne frühzeitig ins Altpapier gegeben werden konnten, weil von der 11. bis 13. Minute der Wolfsburger Maximilian Arnold vom Platz gestellt wurde. Ja, richtig, über fast drei Minuten zog sich die Entscheidungsfindung hin, nachdem Arnold den Augsburger Finnbogason außerhalb des Strafraums, keineswegs brutal, aber auf womöglich schon freiem Weg zum Tor gefoult hatte. „Mein erster Impuls war: Gelbe Karte und Freistoß“, berichtete hinterher Schiedsrichter Tobias Stieler, „wohlwissend aber, dass es grenzwertig sein könnte“. Er habe sich dann an den Video Assistant Referee in Köln, an Tobias Welz, gewandt und dessen „Erkenntnisse abgerufen“, sie anschließend „in der Review Area abgeglichen und meine Entscheidung geändert“. Rote Karte für Arnold, Wolfsburg zu zehnt.
„In 90 Prozent der Fälle wendet sich der Schiedsrichter an den Video-Assistenten“, sagt Stieler. Arnold hatte einen anderen Eindruck, „nämlich, dass der Schiedsrichter den Impuls bekommen hat“. Die Augsburger Bank hatte nach der ursprünglichen Gelb-Entscheidung aufgebracht protestiert, nach der Partie meinte ein besänftigter FCA-Manager Stefan Reuter aber, „dass Gelb keine hundertprozentige Fehlentscheidung war und der Video-Assistent nicht hätte eingreifen dürfen“.
Die zweite Entscheidung war – da stand es 1:1 –, dass Stieler einen Elfmeter gegen Wolfsburg (Torwart Casteels an Caiuby) zurücknahm. Wieder erklärte er in seinem Vorstandssitzungsprotokoll-Deutsch die Sachlage, betonte die Souveränität seiner Rolle („Ich als Schiedsrichter habe dann entschieden“) und schloss mit: „Ich bin dankbar, hochzufrieden und total happy, dass die Entscheidung geändert wurde.“ Genauso devot will es der DFB hören.
Viel Aufregung herrschte rund um dieses Spiel, am gelassensten waren die daran beteiligten Schweizer. Marwin Hitz, der Augsburger Torhüter, lächelte seinen Schnitzer zum 0:1 weg („Das ist mir bisher nur im Training passiert“) und spielte während der Interviews nach dem Spiel mit seinen beiden kleinen Kindern.
Martin Schmidt, der Schweizer Trainer der Wolfsburger, stieg nicht in die Diskussionen um diese oder jene Entscheidung ein. Sachlich instruierte er seine Mannschaft, die auch in Unterzahl versuchte, torgefährlich zu sein: „Es nützt ja nichts, wenn ich an der Seitenlinie den Hampelmann mache.“ Nun habe man nach sieben Unentschieden und zwei Siegen (einer in der Liga, einer im Pokal) „nun auch diese Erfahrung gemacht“: mal verloren.
Videodiskussionen gehen an ihm vorbei. „Mal ist man der Hund, mal der Baum“, philosophierte er. Und weil Augsburgs Trainer Manuel Baum heißt, hatten am Ende noch alle was zu lachen.