Highsider mit bösen Folgen

von Redaktion

Felix Neureuther erleidet im Training einen Kreuzbandriss und verpasst Olympia

Von Elisabeth Schlammerl

München – Felix Neureuther saß in seinem Bett im Hotel Sonnenalp in Vail. Er lächelte, dabei war ihm nicht zum Lachen zumute. Aber er dachte auch in dieser für ihn sehr bitteren Stunde noch an seine Fans und verkündete die schlechte Nachricht via Facebook-Video. Neureuther war am Samstag in Copper Mountain im US-Bundesstaat Colorado beim Riesenslalom-Training gestürzt, es hatte ihn bei einem Schwung ausgehoben. „Ein klassischer Highsider“, wie er mitteilen ließ.

Es sei ihm sofort klar gewesen, „dass es mich schlimm erwischt hatte“. Die Gewissheit kam nach der Untersuchung in der Klinik in Vail. Das Kreuzband im linken Knie ist gerissen, die Saison für den 33-Jährigen aus Garmisch-Partenkirchen vorbei und damit auch die Chance auf eine Medaille bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang im Februar.

Selten in seiner gut vierzehnjährigen Weltcup-Karriere war Neureuther körperlich so fit in den Winter gestartet. Der Rücken machte kaum Schwierigkeiten, deshalb konnte der Athlet große Umfänge trainieren. Nur kurz vor dem geplanten, aber wegen starker Winde abgesagten Auftakt in Sölden trat er etwas kürzer. Der Grund war die Geburt seiner Tochter Matilda Mitte Oktober.

Der Fleiß zahlte sich bereits im ersten Weltcup-Rennen aus, mit dem Slalom-Sieg in Levi, seinem insgesamt 13. Weltcup-Erfolg, nährte er die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Saison, Winterspiele inklusive. Nach dem gelungenen Auftakt, ließ er nun wissen, sei die Verletzung „natürlich extrem ärgerlich“. Aber er habe in seiner Karriere „schon einige Rückschläge hinnehmen müssen“ und wisse daher „auch damit umzugehen“. Mehrere Knie- und Schulteroperationen hatten Neureuther bisher ebenso gebremst wie ein Innenbandriss im Sprunggelenk, die chronischen Rückenbeschwerden und eine 2004 eine Herzbeutelentzündung.

„Es bleibt einem nichts anderes übrig, als Verletzungen hinzunehmen und sich nicht allzu sehr mit dem ‚hätte, wäre, könnte‘ herumzuschlagen“, hatte er einmal gesagt. Für ihn hat die Zwangspause aber auch noch eine andere Seite, eine sehr schöne. „Wenn man es positiv sehen will: Ich kann jetzt sehr viel Zeit mit meiner kleinen Tochter verbringen.“

Gestern flog Neureuther von Denver zurück nach Deutschland. Er wird sich in den nächsten Tagen beim Knie-Spezialisten Christian Fink in Innsbruck operieren lassen. Wenn alles gut verläuft, kann er im Sommer wieder mit dem Skifahren beginnen, denn an ein Karriereende denkt Neureuther offenbar nicht, sondern bereits an ein Comeback in der nächsten Saison. „Hinfallen ist keine Schande, nur liegenbleiben“, schrieb er in seinem Facebook-Post. In einem anderen Video, das in den Sozialen Medien auftauchte, ist er zu sehen, wie er die Klinik in Vail auf Krücken verlässt und sagt: „Bye-bye Kreuzband, bye-bye Beaver Creek. Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr.“

Der Alpinchef des Deutschen Skiverbandes, Wolfgang Maier, bezeichnet die Auswirkungen des prominenten Ausfalls als „krass“. Nicht nur für Neureuther. Die gesamte deutsche Olympia-Mannschaft verliert mit Blick auf die Winterspiele in Südkorea eines ihrer Aushängeschilder. „Felix hat im Wintersport eine Strahlkraft, da können andere einpacken“, findet Maier. Aber vor allem fehlt der alpinen Sparte des DSV nun ein Medaillenkandidat. Der einzige neben Viktoria Rebensburg, da Fritz Dopfer nach einer schweren Verletzung gerade erst sein Comeback gegeben hat. „Bei Großereignissen war auf Felix zuletzt immer Verlass“, sagte Maier.

Zumindest bei Weltmeisterschaften. Vor den Winterspielen in Sotschi 2014 hatte er zwar als Gold-Favorit im Slalom gegolten, aber kurz vor der Anreise bei einem Autounfall ein Schleudertrauma erlitten. Er war schließlich gehandicapt gestartet und ausgeschieden. Maier sieht das Fehlen des Frontmannes in diesem Winter als Chance für den Rest der Mannschaft, aus dessen Schatten zu treten. Neureuther versuchte sich vor der Abreise aus den USA als Motivator. „Gebt Gas, Jungs“, forderte er die Kollegen via Facebook auf.

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