Jahrhundert-Derby mit Nachbeben

von Redaktion

Historisches 4:4 erschüttert den BVB, doch Bosz darf vorerst bleiben– Schalker verkaufen „Sieger“-Trikots

Dortmund – Nach der schlimmsten Viertelstunde seiner jungen Trainerkarriere hatte Domenico Tedesco, 32, den vorzeitigen Schlusspfiff herbeigesehnt. „Ich habe den vierten Offiziellen gefragt, ob wir heute nur 70 Minuten spielen dürfen“, berichtete der Coach von Schalke 04. Am Ende wurden es 97 Fußball-Minuten für die Ewigkeit – und dem Novizen schallten „Derbysieger“-Rufe aus der Kabine entgegen.

„Man kann im Leben Briefmarken oder sonstige Sachen sammeln. Ich glaube, dass es das Wichtigste ist, Momente zu sammeln“, sagte Tedesco nach dem atemberaubenden 4:4 (0:4) im 173. Revierderby bei Borussia Dortmund. Nach vier Gegentoren in 14 Minuten hatte Tedesco zur Pause davon abgesehen, seine niedergeschlagenen Spielern eine Standpauke zu halten – stattdessen gab er ein neues Ziel aus. „Er hat gesagt, wir sollen die erste Halbzeit vergessen und wenigstens die zweite gewinnen“, berichtete Kapitän Ralf Fährmann.

Was als Vermeiden einer der größten Derby-Blamagen gedacht war, führte zu einem Wunder. Erst zum zweiten Mal seit dem FC Bayern 1976 in Bochum gelang es einem Team, ein 0:4 aufzuholen. Mit jedem Tor wuchs Schalkes Zuversicht. „Der Glaube ist zurückgekommen“, sagte der eingewechselte Leon Goretzka: „Der Rest ist Geschichte.“

Nach dem Ausgleichstreffer von Naldo in der Nachspielzeit (90.+4) feierten die Königsblauen wie nach einem Titelgewinn. „Wir haben gewonnen, äh, unentschieden gespielt“, sagte Goretzka nach dem Abpfiff. Auf ihrer Homepage boten die Schalker „Derbysieger“-Shirts an.

Konträr dazu die Stimmung bei den gefühlten Derbyverlierern. Die Gelbe Wand wurde zum Tribunal. Selbst die treuen Borussia-Fans auf der Südtribüne verweigerten den Dortmunder Spielern die Gefolgschaft. Fahnenstangen flogen, es gab ein selten gehörtes Pfeifkonzert. „Absolut berechtigt“, sagte Nuri Sahin kleinlaut: „Die Fans haben in den vergangenen Wochen die Füße still gehalten und uns immer unterstützt.“

Durch die Mutter aller Derbypleiten scheint der Vereinsfrieden endgültig gestört zu sein, doch umstrittene Coach Peter Bosz gibt sich kämpferisch: „Ich werde nie aufgeben. Das habe ich schon als Profi nicht getan“, sagte der Niederländer nach dem Spiel. Gefragt, ob er an eine gemeinsame Zukunft glaube, sagte er: „Ja, das denke ich.“

Und tatsächlich: Bosz wird wohl eine Gnadenfrist erhalten – wohl auch mangels kurzfristiger Alternativen. „Ich habe mich genauso beschissen gefühlt wie Ihr Euch alle“, versicherte Watzke bei der Mitgliederversammlung gestern Nachmittag: „Einen derartigen Saisonverlauf habe ich noch nie erlebt. Das Problem ist aber, dass es dafür keine Patentlösung gibt.“

An Bosz gerichtet, machte Watzke eine klare Ansage: „Wir müssen ganz schnell wieder in die Erfolgsspur, das ist hundertprozentig sicher.“ Watzke erinnerte auch an die schwachen Auftritte in der Champions League: „Zwei Punkte aus zwei 1:1 gegen Nikosia: Das ist schlicht und einfach nicht zu ertragen.“ Die Aufarbeitung erfolge „mit Ruhe und Besonnenheit“, betonte er und meinte: „Es ist nicht alles beschissen hier.“

Am Samstag ab der 60. Minute dürften zumindest die Fans anders gefühlt haben. Guido Burgstaller (61.) und Amit Harit (65.) entfachten neues Feuer auf Schalker Seite. Pierre-Emerick Aubameyang (72.) sah Gelb-Rot, danach vollbrachten Daniel Caligiuri (86.) und Naldo das Wunder. „Wenn es noch fünf Minuten länger gegangen wäre, hätten wir auch noch die Chance auf das fünfte Tor gehabt“, meinte Goretzka.

Tedesco war am Ende jedenfalls froh, dass der Schiedsrichter nicht nach 70 Minuten abgepfiffen hatte.

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