Bereit für alle Extravaganzen

von Redaktion

Thomas Müller meldet sich beim FC Bayern nach seiner Muskelverletzung zurück und wird schon sehnlichst erwartet

von marc beyer

München – Thomas Müller wäre auch ein guter Journalist geworden. So hintersinnig und bildhaft, wie er erzählt, wären seine Texte sicher lesenswert gewesen. Anders als viele Fußballkollegen hat er sogar Verständnis dafür, dass die Dinge in den Medien manchmal etwas schärfer zugespitzt werden. Er würde es selbst nicht anders machen.

Als er gestern im Hauptquartier des FC Bayern zum Pressegespräch erschien, seinem ersten öffentlichen Auftritt seit fast sechs Wochen, ging es zum Beispiel um die heutige WM-Auslosung und die unmittelbaren Konsequenzen für das DFB-Team. Die sind nicht nur sportlicher, sondern auch logistischer Natur, weil das passende Quartier noch zu suchen ist. Wie wichtig das ist, weiß Müller, der Weltmeister, vom Turnier 2014 in Brasilien, als man im Campo Bahia residierte. Aber, wirft er ein: „Wenn wir nach der Vorrunde ausgeschieden wären, hätte es geheißen: ,Klar, die waren ja auch die ganze Zeit im Urlaubsresort.’ So hätte ich es jedenfalls geschrieben.“

Morgen gegen Hannover wird Müller sein Comeback geben, nachdem ihm Mitte Oktober ein paar Muskelfasern im Oberschenkel gerissen waren. Zum Verhängnis wurde ihm damals der Versuch, einen Hackentrick zu produzieren. „Die sind halt nicht für Leute in meinem Alter gedacht“, ahnt Müller (28), „das ist etwas für die Jugend – oder für Brasilianer.“

Wenn er in den kommenden Wochen auf dem Platz nur halb so viele Ideen hat wie im Interviewraum, wird das Spiel der Bayern, das zuletzt empfindlich ins Stocken geraten war, sofort profitieren. Vor dem Fernseher oder auf der Tribüne musste Müller tatenlos mitansehen, wie die Münchner von Spitzenspiel zu Spitzenspiel reisten und einen wie ihn gut hätten gebrauchen können. Leicht war das nicht. Als etwa die Kollegen das Pokalspiel in Leipzig auf dramatische Weise gewannen, „ist zuhause auf der Couch mein Getränk ein bisschen unruhig geworden“. So sehr zitterte er mit.

Manchmal hat sich Müller regelrecht zwingen müssen, dem Körper die Zeit zu lassen, die ein gestresster Muskel eben braucht. Es war ein ständiges Abwägen. „Am einen Tag denkt man sich: Ich muss spielen, egal wie.“ Am nächsten siegte dann doch wieder die Vernunft: „Es macht ja keinen Sinn. Natürlich weiß man, dass man nicht helfen kann.“

Dass Thomas Müller über seinen Umgang mit Verletzungen berichtet, war lange Zeit ein Widerspruch in sich. Selbst Mitspieler witzelten regelmäßig darüber, dass eine muskuläre Blessur allein schon aus Mangel an Muskeln nicht zu befürchten sei. Auch sonst ist er sehr lange ziemlich unbeschadet geblieben. Das ist einer der vielen Vorteile seiner Spielweise. Anders als die Außenstürmer Ribery, Robben oder Coman, die sich immer wieder aufs Neue in Zweikämpfe stürzen wie in eine Wirtshausprügelei, kommt Müller häufig erst gar nicht in die Verlegenheit, einstecken zu müssen: „So lange habe ich den Ball ja nicht am Fuß.“ Seine größte Stärke entfaltet sich auf den extravaganten Laufwegen, mit denen er die gegnerische Abwehr aushöhlt und überlistet. Und plötzlich steht er frei.

Es ist ein willkommener Zeitpunkt, um auf den Platz zurückzukehren. Große Auswahl hat Jupp Heynckes in der Offensive nicht mehr. Zuletzt legte sogar Robert Lewandowski eine Pause ein, einer der Robustesten im Kader, aber das war eher eine Vorsichtsmaßnahme. Müllers Tätigkeitsbereich dürfte morgen gegen Hannover eher dort liegen, wo er sich ohnehin am liebsten aufhält. Irgendwo in der Tiefe des Raumes, mit reichlich Freiheiten nach vorne.

Die Frage, wie zügig er wieder in Fahrt kommt und wie die Nebenleute von seinen Ideen profitieren können, wird sich maßgeblich auf das Fazit zur Winterpause auswirken. Das Programm bis Weihnachten mit drei englischen Wochen, darunter gegen Teams wie Paris und Dortmund, ist anspruchsvoll. Der Gedanke, den Kollegen schon nach Mönchengladbach hinterher zu fahren, war deshalb nur kurz verführerisch. Darüber diskutiert wurde intern durchaus. „Aber ein einziges Spiel war uns das Risiko nicht wert.“ Wäre etwas passiert, hätte sich Müller die Schlagzeilen lebhaft ausmalen können. Er, der Journalistenversteher.

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