München – Bayern gilt als die Keimzelle des deutschen Eishockeys, der hohe Norden ist im Wintersport exotisches Land. Insofern hat das immer was von Blamage, wenn ein südlich beheimateter Klub gegen Bremerhaven verliert, das seinem Team den skurrilen Namen Fischtown Pinguins gegeben hat. Dann noch dieser sehr spezielle Spielverlauf: 2:0 führte der EHC München schon, bis ins letzte Drittel hinein – knappe elf Minuten benötigte Bremerhaven, um das Spiel zu drehen. 3:2 für die Pinguins. Münchens Trainer Don Jackson sagte leicht ratlos: „Ich hatte den Eindruck, dass wir ein gutes Spiel machen.“ Zwei Drittel, ja. „Dann haben wir aufgehört zu spielen“, so Torhüter Danny Aus den Birken.
Vor dem Mittwoch war der EHC München durch eine Mini-Negativserie belastet. Erstmals in dieser Saison hatte er zwei Partien nacheinander verloren: 2:5 zuhause gegen Wolfsburg, 1:5 in Nürnberg. Nun kam eine dritte Niederlage dazu, und wenn ein Klub in den vergangenen beiden Jahren Meister war, sich in der Champions League gut präsentiert hat (ins Achtelfinale gekommen) und den anerkannt besten Kader der Deutschen Eishockey-Liga hat, kann man solch eine Phase des Nichtgelingens als Krise bezeichnen. Zwar ist der EHC drittstärkstes Heim- und zweitbestes Auswärtsteam und hat die meisten Tore in der DEL erzielt – doch der neue Spitzenreiter Eisbären Berlin, sechs Punkte voraus, und auch die Nürnberg Ice Tigers auf Platz zwei wirken souveräner. Es ist nach 26 Spieltagen Halbzeit in der Hauptrunde, zum Vorjahreszeitpunkt hatte München acht Punkte mehr.
Don Jackson ändert gleichwohl wenig an seiner Routine. Er hat in seinen vier Sturmreihen zuletzt kaum umgestellt, er tobt nicht nach Niederlagen, er geht am nächsten Tag in die Videoanalyse. Kapitän Michael Wolf sagt: „Wir wissen schon, welche Fehler wir begangen haben.“ Zuletzt: Der EHC ließ viele Konter zu. Das ist das Risiko des Systems. „Die Münchner spielen eigentlich nicht mit drei, sondern vier Stürmern“, sagt der Bremerhavener Kevin Lavallee über die offensive Ausrichtung der EHC-Verteidiger. Das schafft immensen Druck auf den Gegner; geht die Scheibe aber verloren, ist der Korridor zum Münchner Tor offen.
Die erwartete Langeweile an der Spitze der DEL ist nicht eingetreten, der EHC München muss sogar ein Auge auf die heranrückenden Grizzlys Wolfsburg und die Iserlohn Roosters richten, um nicht noch aus den ersten Vier zu fallen und das Heimrecht für die erste Playoff-Runde zu verspielen. Ein Sieg heute (19.30 Uhr, Olympia-Eishalle) würde den Negativtrend erst mal aufhalten. Bei einer Pleite jedoch wäre dem EHC die Aufgebrachtheit seines Anhangs gewiss.
Denn es ist das Spiel, das er von allen am wenigsten verlieren darf. Gegner sind die Augsburger Panther, das Feindbild der Kurve. Der Verein mit dem immensen Schatz an Tradition und ein paar Jahre (bis 2010) sogar der „Vorgesetzte“ des EHC. Augsburg hielt sich den damaligen Zweitligisten als Kooperationspartner, man tauschte gelegentlich Spieler. Mit dem DEL-Aufstieg des EHC München wurde diese Zusammenarbeit beendet. Jetzt ist München dank Salzburger Subventionierung die größere Nummer.
Aktuell ist München – Augsburg ein Krisengipfel. Zwar machten sich die Panther Mut, als sie am Dienstag in Mannheim 15 Sekunden vor Schluss ausglichen und einen Punkt holten (das Penaltyschießen ging verloren), doch in den Wochen davor waren sie schon abgerutscht. Bis auf den vorletzten Platz. Obwohl sie bis auf eine Ausländerstelle (Ben Hanowski wechselte nach Köln) ihr Team, Vorjahres-Sechster, im Wesentlichen hatten zusammenhalten können. Die Rechnung, ohne große Einspielzeit loslegen und sich vorne etablieren zu können, geht nicht auf. Eishockey ist eben keine Mathematik.
Aktuelles Zeichen der Augsburger Verunsicherung: Mit dem Kanadier Olivier Roy (Crimmitschau) wurde ein dritter Torwart verpflichtet, Oder doch der erste?