Die Formel E wird deutsch

von Redaktion

Audi feiert als erster schwarz-rot-goldener Hersteller Premiere in der Elektroserie, die am Wochenende in ihre vierte Saison geht

VON Klaus-Eckhard Jost

Hongkong – Lucas di Grassi und André Lotterer kennen sich gut aus gemeinsamen Zeiten. Bei Audi sind sie zusammen in der Langstrecken-Weltmeisterschaft gefahren. Damals lief’s für den Deutschen besser. Er konnte dreimal das 24-Stunden-Rennen in Le Mans und einmal die Weltmeisterschaft gewinnen. Der Brasilianer dagegen suchte sich schon frühzeitig ein anderes Betätigungsfeld und fand es in der Formel E. Zum Start der vierten Saison in Hongkong kommt der Audi-Pilot als Weltmeister. Und begegnet dort nun wieder Lotterer, der im Techeetah-Team seine Premiere in der Elektroserie gibt.

Und doch hat der Champion einen großen Respekt vor dem Debütanten. „André war die Messlatte, als ich zu Audi kam“, sagt di Grassi. Doch Formel-E fahren ist anders. Das hat auch Lotterer schon festgestellt. Dafür ist zum einen die Konzeption der Fahrzeuge mit den schweren Batterien im Heck verantwortlich. Zudem dürfen die Piloten nicht einfach nur das rechte Pedal nach unten drücken, sondern müssen die vorhandene Energie managen. Über die temperaturempfindlichen Bremsen wird die Energierückgewinnung der Boliden gesteuert – und dabei verändert sich die Bremsbalance. „Wenn sich Temperatur oder Ladezustand der Batterie ändern, hat man hinten weniger Bremskraft – das muss man kompensieren, indem man die Bremsbalance mehr nach hinten stellt“, beschreibt der in Duisburg geborene Rennfahrer, der sowohl in Belgien wie auch in Japan lebt, die besonderen Herausforderungen der Rennserie.

Aber nicht nur auf Lotterer warten Schwierigkeiten, auch auf Lucas di Grassi. Hatte in den vergangenen Jahren das private Team Abt aus Kempten den Elektrorenner eingesetzt, so wird dies künftig unter der Regie von Audi geschehen. Und die Sportabteilung in Neuburg an der Donau hat gleich mächtig Veränderungen vorgenommen. „Der Antriebsstrang, dessen Entwicklung in der Formel E frei ist, ist komplett neu“, sagt Champion di Grassi, „außerdem haben wir das Getriebe gewechselt – von drei Gängen hin zu nur noch einem Gang.“ Dies vor allem um Gewicht zu sparen.

Audi ist der erste deutsche Hersteller in der einzigen vollelektrischen Rennserie. Alleine werden die Ingolstädter nicht mehr lange bleiben. BMW wird in einem Jahr einsteigen, Mercedes und Porsche in 24 Monaten. Nicht nur deshalb behauptet Alejandro Agag: „Jetzt kommt unser Durchbruch.“ Als der Spanier die revolutionäre Rennserie vorstellte, erhoffte er sich für die dritte Saison drei Autobauer. Mit Audi, Citroen, Jaguar, Mahindra, Renault und Techeetah sind es jetzt tatsächlich schon doppelt so viele. Und trotz des großen Interesses sagt er auch: „Wir werden nicht mehr als zwölf Teams zulassen.“ Momentan sind es sogar nur zehn.

Die Automobilhersteller wollen über den Motorsport das Thema Elektromobilität einerseits emotional aufladen. Zum anderen erhoffen sie sich auch einen großen Transfer von der Rennstrecke auf die Straße. Dabei werden hauptsächlich in den Lagern neue Materialien unter den harten Rennbedingungen ausgetestet, um die Reibungsverluste zu minimieren. Mit ihrem Pioniergeist haben neben dem Abt-Team auch die Zulieferer Schaeffler und ZF für eine deutsche Note in der Formel E gesorgt. Unter schwarz-rot-goldener Flagge treten in dieser Saison immerhin vier Fahrer an. Neben Ex-Formel-1-Fahrer Nick Heidfeld und Daniel Abt, dem Sohn des ehemaligen Teambesitzers Hans-Jürgen Abt, kommt zu Lotterer auch noch Maro Engel, der gemeinsam mit seinem Mercedes-DTM-Kollegen Edoardo Mortara für das Venturi-Team an den Start geht.

Trotz einer langen Motorsportkarriere muss sich André Lotterer noch einmal umgewöhnen. Dass er sich bei den Langstreckenrennen ein Auto mit zwei Kollegen teilen musste, war er gewohnt. Dass er jedoch mitten im Rennen von einem in ein anderes Auto wechseln muss, ist neu. Dies liegt an der geringen Batteriekapazität von 28 Kilowattsunden (kWh), die im kommenden Jahr auf 54 kWh beinahe verdoppelt werden soll. Die Formel E hält für den 36-Jährigen einige Überraschungen parat.

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