Fussball-WM: Vor der Auslosung

„Die WM bekommt ein Gesicht“

von Redaktion

Von Günter Klein

Frankfurt – Am Donnerstagnachmittag um 17 Uhr ging der Flieger der deutschen Delegation nach Moskau. Oliver Bierhoff und Jogi Löw hatten den kürzesten Anreiseweg aller Zeiten. Sie kamen von einem großen Kongress, den die künftige DFB-Akademie (ihr künftiger Leiter Bierhoff: „Sie wird nicht nur ein Gebäude sein, sondern ist eine Idee, eine Arbeitsweise“) in einem Hotel abhielten, das direkt im Frankfurter Flughafen liegt – von der Lobby zum Check-In-Schalter sind es 200 Meter.

Den Kongress besuchten 230 Fußball-Kapazitäten aus aller Welt, es waren Gesandte von Manchester City, vom FC Barcelona da oder vom FC Arsenal, mit Jonas Hector kam auch ein derzeit verletzter deutscher Nationalspieler, man diskutierte zwei Tage lang über Spielanalyse, über Wahrnehmung, Big Data, die Möglichkeiten von Virtual Reality, über neue Berufsbilder im Fußball. „Bei der Technologie sind keine Grenzen gesetzt“, schwärmte Bierhoff.

Der Deutsche Fußball-Bund teilte großzügig den Stand seines Wissens. „Wir haben diese Einstellung natürlich diskutiert. Doch wir denken, es wäre keine Alternative, sich zu verschließen und einzuigeln.“ Klar ist aber auch: „Die Strategie, die Jogi für die WM hat, verraten wir nicht. Es wird gewisse Grenzen und geschlossene Zirkel geben.“

An diesem Freitag erfährt der Auslosungsprofi Löw („Spannend ist es, aber der Puls geht deswegen nicht hoch“), auf welche Teams er und sein Zirkel an Mitarbeitern sich einzustellen haben. „Die WM bekommt jetzt endlich ein Gesicht für uns“, sagt er. Zusammengesessen ist man schon oft, hatte den unausgefüllten Spielplan vor sich liegen. „Aber solange man die Gruppen nicht kennt, laufen die Diskussionen ins Leere“, so Bierhoff. Ab Freitagabend kann man das Turnier sich vor dem geistigen Auge entwickeln lassen. „Wer käme im Achtelfinale auf uns zu, wer im Viertelfinale?“, sinniert Löw.

„Basiswissen haben wir über alle Nationen, die dabei sind. Urs Siegenthaler war bei jedem wichtigen Turnier, das es gibt.“ Klar sind dem DFB die europäischen Teams vertrauter, „über Polen wissen wir mehr als über Peru und Panama, bei denen müssten wir noch nachlegen“. Auf die Polen wird man in der Gruppe freilich nicht treffen, denn sie sind ebenso im Topf der Besten wie die deutsche Mannschaft.

Die Quartierfrage wird bei der WM-Auslosung noch nicht beantwortet. Es sei keineswegs so, dass der Platz in einer bestimmten Gruppe automatisch den Großraum Moskau oder die sonnige Schwarzmeer-Alternative Sotschi nach sich zöge. „Ad hoc und in der Nacht werden wir es nicht entscheiden“, erklärt Löw, der den möglichen weiteren Turnierverlauf in die Planungen miteinfließen lassen möchte. Am Samstagmorgen fliegen er und Bierhoff zurück nach Deutschland, „in den folgenden Tagen werden wir dann eine Telefonkonferenz mit allen Trainern abhalten“. Mit den Assistenten Köpke, Schneider und Sorg, die im Kreml nicht dabei sind.

Bei der Wahl des Russland-Hauses werden dann nicht nur die Daten (Reisezeiten, Entfernungen, Verkehrslage bei Fahrten zu Flughafen und Trainingsplatz) ausschlaggebend sein. Letztlich ist es nicht anders als bei der Spielanalyse, über die Befürworter Bierhoff sagt: „Zur Beruhigung der Nostalgiker: Es wird immer Bauchentscheidungen des Trainers geben.“

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