Ein Plädoyer für das Alter

von Redaktion

Bora Milutinovic führte fünf Nationen zu einer Fußball-WM – aktuell zieht der Trainer-Globetrotter seinen Hut vor Bayerns Jupp Heynckes

VON ANDREAS WERNER

Doha/München – Zu seiner Linken erhofft sich ein Reporter aus Oman ein paar Zitate, zu seiner Rechten wartet ein chinesischer Kollege auf eine Audienz. Doch Bora Milutinovic hat nur ein Auge für den deutschen Journalisten. „Wie geht es meinem Freund Franz, wie geht es Uli, Kalle?“, bricht es aus ihm heraus, er fragt nach Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge. „Oh, ich möchte mal wieder nach München kommen. Eine grandiose Stadt, ich liebe sie.“

Es ist ein weiter Weg von Milutinovic’ Domizil bis in die bayerische Landeshauptstadt, der gebürtige Serbe lebt in Doha. Da kommt gelegen, dass die Münchner ihrerseits wenigstens einmal im Jahr eine Gesandtschaft nach Katar schicken; wenn der FC Bayern in dem Wüstenemirat sein Wintertrainingslager bezieht, ist Milutinovic stets ein verlässlicher Zaungast. Auch mit seinen mittlerweile 73 Jahren bildet sich der Trainer-Guru gerne fort, und obwohl er seit 2009 kein Team mehr betreut hat, gehört er noch immer zur Szene. Bei der Auslosung der WM-Gruppen am 1. Dezember war er zum Beispiel in Moskau auch dabei.

Beim Treffen im „Lwzaar Seafood“, seinem Lieblingslokal im Stadtviertel „Katara“ von Doha, beginnt Milutinovic bald, von seiner schönsten WM-Erfahrung zu schwärmen. Er coachte beim Turnier 1986 den Gastgeber Mexiko, vier Jahre später betreute er Costa Rica, 1994 empfing er mit den USA die Gegner, mit Nigeria erreichte er 1998 das Achtelfinale, und 2002 brachte er China erstmals zu einer WM (bis heute wird er bei den Asiaten auf der Liste der 60 einflussreichsten Männer der Landesgeschichte geführt) – doch die beste Endrunde war 2006, sagt er. Damals fuhr er quer durchs Land: Horizonterweiterung. „12 000 Kilometer – und ich kann nur sagen: Jeder Ort top organisiert, unglaublich: Perfekt, perfekt, es gibt keinen Vergleich.“

Typisch deutsch sei das, ist dann das Urteil am Tisch, die Deutschen würden ja auch wie Roboter spielen. Da kontert Milutinovic: Wer das behaupte, sehe nicht richtig hin: „Die Deutschen spielen kreativ, haben immer gute Lösungen – und ich frage mal: Wer ist gerade die Nummer 1 der Welt? Deutschland! Und wer Nummer 2? Auch Deutschland! Sie haben ja auch noch den Confed Cup gewonnen.“

Ob Joachim Löws Auswahl damit auch im nächsten Jahr der Favorit in Russland sei? Milutinovic schüttelt seinen Wuschelkopf: „Nicht unbedingt, die Erfolge von früher heißen gar nichts. Aber du benötigst schon Glück, um dieses Deutschland zu schlagen. Du benötigst immer Glück, um so eine WM zu gewinnen.“ Brasilien wird als Anwärter gehandelt, da grinst der 73-Jährige verschmitzt: „Brasilien ist gut – aber sie sollten besser nicht wieder gegen Deutschland spielen.“

Auf den Besuch der Bayern im Januar freut er sich schon jetzt – vor allem auf seinen Kollegen Jupp Heynckes, mit 72 fast gleiches Semester. „Es gibt kein jung oder alt auf dieser Welt“, sagt Milutinovic, „man sieht das auch außerhalb des Fußballs, in anderen Führungspositionen. Mir geht das heutzutage im Fußball zu sehr verloren, dass Erfahrung geschätzt wird. Viele junge Menschen denken inzwischen, sie wissen schon alles. Aber das stimmt nicht. Heynckes hat das Gespür für seine Spieler, für die Situation – das ist einfach wichtig.“ Ob die Bayern die Champions League gewinnen können? Milutinovic grinst: „Das ist beim FC Bayern immer möglich.“

Artikel 1 von 11