Party ohne Raketen

von Redaktion

Bayern nehmen Herbstmeisterschaft nüchtern zur Kenntnis – längst visieren sie höhere Ziele an

VON ANDREAS WERNER

Frankfurt – Wer noch letzte Zweifel an der Wertigkeit des inoffiziellen Titels der Herbstmeisterschaft hatte, brauchte am Samstag bloß in das Gesicht von Thomas Müller zu blicken, denn da machte sich Überraschung breit. „Ach, ist das schon durch?“, meinte er, als er nach dem 1:0 über Frankfurt auf das Etappenziel angesprochen wurde. Müller ließ seine Verblüffung schnell hinter sich, wie einen ins Leere grätschenden Verteidiger – und mimte den Pragmatiker: „Dann feiern wir das auch.“

Eine Party war ja eh schon anberaumt. Als die Münchner gelandet waren, stand eine Weihnachtsfeier im „Lenbach Palais“ auf dem Dienstplan. Im verganenen Jahr waren einige Profis dieser Pflichtaufgabe grummelnd nachgekommen, heuer aber war die Stimmung besser. Wenn man sich das Szenario hätte malen sollen, hätte man es genau so auf die Leinwand gebracht, meinte Karl-Heinz Rummenigge in seiner Bankettrede: Spiel gewonnen, Herbstmeister, acht Punkte Vorsprung auf Leipzig, im DFB-Pokal und in der Champions League weiter im Rennen – „Bravo“, sagte der Vorstandschef und hob das Glas in Richtung Mannschaft.

Es fügt sich recht stimmig in dieses neue Bild, das die Spieler seit der Rückkehr von Jupp Heynckes abgeben, dass sie den aktuellen Höhenflug insgesamt sehr nüchtern zur Kenntnis nehmen. Obwohl sich das Herbstmeisterorakel bisher in 37 von 54 Fällen als richtig erwies, war Niklas Süles Meinung mehrheitsfähig („können uns davon nichts kaufen“). Der Arbeitssieg in Frankfurt stand zudem im Kontrast zum festlich dekorierten „Lenbach“, dabei orientieren sich die Bayern ja längst wieder am Glitzern in dieser Welt. Heute um 12 Uhr werden die Achtelfinalspiele der Champions League ausgelost, und nicht zuletzt weil die Verhältnisse in der heimischen Liga jetzt wunschgemäß sortiert sind, blickt man wieder neugieriger auf die internationale Nobelklasse.

Er hoffe, dass die Belastung mit DFB-Pokal und Champions League auch 2018 lange ein Luxusproblem bleibt, sagte Heynckes, auch deshalb schieße er wegen der Herbstmeisterschaft „jetzt keine Raketen ab“. Dass der von Arturo Vidal sichergestellte Sieg – es war sein vierter Treffer im vierten Ligaspiel in Serie – herzlich wenig vorweihnachtlichen Glanz ausgestrahlt hatte, gab der Coach unumwunden zu. Müller und Franck Ribery kämen gerade aus langen Pausen, die Angeschlagenen Kingsley Coman und Robert Lewandowski könnten sich nicht schmerzfrei bewegen, erklärte Heynckes, das müsse man neben einiger anderer Ausfälle berücksichtigen. „Wenn man solche Probleme hat, kann man nicht jedes Mal ein so gutes Spiel wie gegen Paris machen.“

Die dünne Personaldecke im Sturm begleitete Rummenigge gestern auch auf den Adventsbesuch beim Fanklub „Loisach-Bazis“ in Mühldorf. „Wir versuchen, das in James-Bond-Manier geheim zu halten“, sagte er über Transfers, „alles, was in der Zeitung steht, wird nicht preiswerter.“ Auch im Werben um Sandro Wagner ginge es „um die Finanzen“. Von einer Einigung, wie Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann suggeriert hatte, könne keine Rede sein.

Müller ackerte am Samstag anstelle des geschonten Lewandowski in der Spitze. Obwohl ihm kein Tor gelang, hatte er Anteil am Sieg. In der zweiten Halbzeit lautete die Order auf dem tiefen Platz, das 1:0 zu verteidigen. „Ich war der vorderste Verteidiger. Es hat Spaß gemacht, auch mal unsere Kämpfermentalität herauszukehren.“

Manchmal muss man arbeiten, um zu glänzen, da hatte Müller Recht. Verwirrung stiftete er nur mit dem Schluss seiner Rede auf der Weihnachtsfeier, die er als stellvertretender Kapitän hielt: „Habe die Windpocken.“ Ein typischer Müller-Flachs. Der FC Bayern ist insgesamt ja eigentlich pumperlg’sund. Und hat viel Grund zum Feiern.

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