München – Um das Drama des Wochenendes vorherzusehen, hätte eigentlich schon ein Blick auf David Leggios Twitterprofil genügt. Dort hat sich der Eishockey-Torhüter des EHC München als Net Flipper bezeichnet. Als einer, der das Tor umschmeißt. Und als Ross Mauermann, ein Stürmer aus Bremerhaven, im Ligaspiel am Freitagabend alleine auf Leggio zusauste, hielt sich dieser fast exakt an die Selbstbeschreibung: Er drehte sich einfach um, riss das eigene Tor aus der Verankerung und schubste es ein wenig über das Eis.
Der Twitterauftritt des US-Torhüters ist inzwischen überarbeitet worden, der Profileintrag Net Flipper nicht mehr zu finden. Es gehört nicht besonders viel Fantasie dazu, zu vermuten, dass ihm irgendjemand diese Änderung recht dringend empfohlen hat. Denn David Leggio, der Net Flipper, hat im deutschen Eishockey eine ziemlich hitzige Debatte ausgelöst.
DEL wird ihre Regeln nicht sofort ändern
Nun hat der EHC-Torhüter diesen Trick nicht zum ersten Mal performt. Im Jahr 2014, Leggio spielte da noch in der nordamerikanischen AHL, schubste er das Tor um, als zwei Angreifer auf ihn zustürmten. Die Idee: Ein Penalty, den das absichtliche Verschieben des Tores nach sich zieht, ist leichter abzuwehren als ein Konter mit Gelegenheit zum Nachschuss. Schon damals ging diese Taktik auf. Auch am Freitag parierte Leggio den Penalty, es blieb beim 1:1. Am Ende setzte sich München mit 5:2 durch, weshalb auch EHC-Trainer Don Jackson zugeben musste, dass jene Aktion die Dynamik des Spiels „ohne jeden Zweifel“ zugunsten seiner Mannschaft verändert habe.
Dieser Umstand verärgerte Bremerhavens Trainer Thomas Popiesch. Auf Nachfrage wollte er den Vorfall nicht kommentieren; dass er jedoch schimpfend davonzog, ließ erahnen, wie er darüber urteilte. Don Jackson stufte die Aktion freilich anders ein: „Ich muss ihm das anrechnen, dass er sich diese Taktik ausgedacht hat.“
Die verschiedenen Standpunkte gipfelten schließlich in der großen Frage des Eishockey-Wochenendes: War Leggios Handeln nun ziemlich unsportlich, weil er grob gegen den Fairplay-Gedanken des Sports verstoßen hat, oder doch ziemlich clever, weil er ein Schlupfloch im Regelwerk entdeckt hat?
Dass diese Debatte weiterhin köchelt, liegt auch daran, dass sich die Akteure ungeschickt verhalten haben. Der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) kann man mangelnde Voraussicht unterstellen. Ihre Spielregeln waren für einen solchen Vorfall nicht gerüstet. Dabei hatten die Regelhüter der AHL schon eine Lösung gefunden.
EHC verpasst Leggio einen Maulkorb
Als Leggio seinen Trick dort erstmals präsentierte, passten diese ihren Sanktionskatalog sofort an. Neben dem Penalty drohte dem Torwart fortan eine persönliche Spieldauerstrafe. Spätestens als Leggio vor zwei Jahren in die DEL wechselte, hätte sie auch diesen Zusatz ergänzen müssen.
Eine Lex Leggio wird nun auch in den DEL-Büros diskutiert, aber nicht sofort umgesetzt. „Es wird aber keine Schnellschüsse geben“, teilte die Liga gestern mit. Allerdings wurde ein Verfahren gegen den Torhüter eingeleitet.
Und Leggio? Dem erteilten die Verantwortlichen des EHC München Redeverbot. Weil das Ereignis sich dadurch aber nicht in Luft auflöste, mussten andere EHC-Spieler Stellung beziehen. „Vielleicht ist es unfair“, sagte Jonathan Matsumoto, „aber es verstößt nicht gegen die Regeln. Ich denke, es war eine kluge Idee.“ Kapitän Michael Wolf verwies darauf, dass es „nicht in unserer Hand“ lag: „Ob das gut oder schlecht ist, müssen andere entscheiden.“ Allen voran die DEL.