Die Tränen des Mustangs

von Redaktion

Besiktas-Stürmer Ricardo Quaresma ist der Mann, der immer weint – und dem FC Bayern bestens vertraut

München – Der FC Bayern ist schon vielen Spielern mit einer ungewöhnlichen Vita begegnet – doch Besiktas Istanbuls Ricardo Quaresma zählt zu einer besonderen Spezies. Der Portugiese hat eine beispiellose Odyssee in der Fußballwelt hinter sich, er ist auch den Münchnern bestens vertraut. Vor gut zehn Jahren hatte nicht viel gefehlt, und er wäre an die Isar gewechselt.

Doch der Transfer platzte, und so traf man sich nur als Gegner. 2014 bereitete der 34-Jährige den Bayern beim 1:3 gegen den FC Porto das letzte Mal gehörige Probleme. Nun steht im Achtelfinale das nächste Wiedersehen mit dem Mann an, der mit zarten 17 bei Sporting Lissabon neben Cristiano Ronaldo erstmals für Furore sorgte und sogar als das größere Talent galt, seine Karriere dann aber gründlich wie kaum ein anderer in den Sand gesetzt hat.

Bereits in jungen Jahren erhielt er den Beinamen „Mustang“, und dem machte er alle Ehre: Er wurde nie gezähmt. In Barcelona forderte er einst die Entlassung des damaligen Trainers Frank Rijkaard, weil er ihn nicht spielen ließ. Bei Inter Mailand erhielt er von den Fans die „Bidone d’Oro“, die goldene Mülltonne, für den schlechtesten Spieler der Serie A. Als er von 2010 bis 2012 das erste Mal für Besiktas spielte, warf er mal eine Wasserflasche nach Cheftrainer Carlos Carvalhal und rief „Du bist ein Nichts“, weil der ihn auswechseln wollte. Als er vor den Augen eines Klubfunktionärs auf ein Besiktas-Trikot urinierte, schickten sie ihn in die Wüste.

Doch Al Ahli in Dubai wurde keine Sackgasse. Quaresma ging wieder zu Porto, feierte Erfolge und wechselte erneut zu Besiktas. „Dort bin ich der König“, sagte er.

Die Fans liegen dem Ballkünstler, der mit seinen Tattoos am ganzen Körper Arturo Vidal locker Paroli bieten kann, zu Füßen. Quaresma hat die Außenristschusstechnik, die „Trivela“, zur Perfektion gebracht, und er liebt die „Rabona“, bei der er mit überkreuzten Beinen flankt. Bei den Tattoos sorgt er seit der EM im letzten Jahr europaweit für Rätselraten: Was bedeuten die beiden Tränen, die seine rechte Wange auf ewig runterrinnen? In Südamerika ist das ein Symbol für die Zugehörigkeit zu einer Gang, andernorts steht es für das Bekenntnis, einen Mord begangen zu haben. Manchmal bedeutet es auch, dass man im Knast war. So oder so passen die Tränen aber auch zur ganzen Karriere. Quaresma: Der Mann, der immer weint.

„Ich habe viele falsche Entscheidungen getroffen“, sagte er mal. Entdeckt in Lissabons schmuddeligem Hafenviertel Alcantara, aufgewachsen als Spross einer Roma-Familie in ärmlichen Verhältnissen, hat er es dennoch weit gebracht. Bis heute ist er einer der besten Kumpels von Ronaldo. Neulich bedankte sich der Star von Real Madrid mal für eine Torvorlage im Nationalteam so: „Mein verdammter Zigeuner.“ Nur Ronaldo darf ihn so nennen, den Rumtreiber, der durch die Welt tingelte und mal die Gegner, mal die eigenen Fans zum Weinen bringt. ANDREAS WERNER

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