München – Die brisante Nachricht war erst ein paar Stunden auf dem Markt, da formierte sich bereits virtueller Widerstand gegen das geplante Aus für den verdienten Nachwuchs-Chef des TSV 1860. Unter dem Hashtag „#SchelleMussBleiben“ stellten Fans eine Gruppe ins Netz, die zum Ziel hat, Wolfgang Schellenberg, den „1000-prozentigen Löwen“, im Klub zu halten. Illustriert wurde der Protest mit den namhaftesten Talenten, die mit dem 46 Jahre alten Pasinger in Verbindung gebracht werden: Weigl, die Bender-Zwillinge, Wolf, Neuhaus (U 21), Johnson, Volland, Gebhart. Sieben Nationalspieler mit weißblauen Wurzeln und der Star des aktuellen Regionalligateams. Durch Verkäufe von Talenten habe Schellenberg „mehrfach die Lizenz gerettet“, fügten die Urheber hinzu. Der Subtext lautet: Geht „Schelle“, gehen bei 1860 endgültig die Lichter aus. „Schelle, wir stehen hinter dir!“, schrieben die Fans unter ihren Facebook-Aufruf.
Im Verein fand sich gestern erstaunlicherweise (fast) keiner, der bereit gewesen wäre, dem verdienten Mitarbeiter (mit Unterbrechungen seit 1997 für den Verein tätig) ein paar ähnliche Lorbeeren zu flechten. Allerdings: Es fand sich auch keiner, der bereit gewesen wäre, den Nachwuchsleiter und Ex-Trainer mit dem Schwächeln der aktuellen Juniorenteams in Verbindung zu bringen. Präsident Robert Reisinger: ließ das Telefon durchklingeln. Jürgen Jung, Schellenbergs Vorgänger, zwischenzeitlich für den FC Bayern tätig und derzeit Scout für Cheftrainer Daniel Bierofka: „Ich gebe keinen Kommentar ab“, teilte er mit. Auch Bierofka ließ eine WhatsApp unbeantwortet. Der einzige, der sich äußerte, war Christian Wörns, seit wenigen Wochen für die ältesten Nachwuchsteams des Klubs verantwortlich. Der Ex-Nationalspieler schrieb, nachdem er seine Aussagen genau abgewogen hatte: „Wir haben ein sehr gutes, von Vertrauen geprägtes Verhältnis. Der Posten muss unbedingt neu besetzt werden.“
Der einzige Kommentar stammt also von einem, der neu ist im Klub. Das Schweigen der Altlöwen lässt sich so interpretieren, dass allen bewusst ist, welch heikles Thema da kurz vor Weihnachten angepackt wurde. Fakt ist: Schellenberg ist ein loyaler Löwe, ein engagierter Mitarbeiter, Betriebsrat noch dazu. Es gibt aber auch Stimmen von Insidern, die flüstern: So wie zuletzt konnte es nicht weitergehen mit der Jugendarbeit des Vereins. Dass im Sommer nicht nur die Profis, sondern mit ihnen gleich vier Nachwuchsteams abgestürzt sind, sei kein Zufall. Es sei im Übrigen breiter Konsens im Klub, dass ein Wechsel auf dem Posten des Verantwortlichen unausweichlich ist.
Und schon machen die Namen von möglichen Nachfolgern die Runde. Jung, das liegt auf der Hand, dürfte ein Wörtchen mitzureden haben, er übernahm gestern kommissarisch die NLZ-Leitung. Auch Dieter Märkle, derzeit noch für den Talentschuppen der Stuttgarter Kickers tätig, ist ein Thema. Für Märkle, 55, spricht, dass er drei Jahre in ähnlicher Funktion beim FC Augsburg gearbeitet hat.
Abgehängt in Sachen Nachwuchs wurde 1860 nicht nur von Märkles Ex-Klub FCA. Auch der FC Bayern, der FC Ingolstadt, die fränkischen Klubs, ja sogar Jahn Regensburg intensivieren ihre Anstrengungen auf dem heiß umkämpften Markt. Trainerguru Karsten Wettberg treibt die Sorge um, dass die Löwen ihre einstige Kernkompetenz verloren haben könnten. „Wir haben quasi keinen Nationalspieler mehr und stehen schlechter da als Unterhaching“, sagte er der AZ.
Für Wörns steht fest, dass die NLZ-Personalie höchste Priorität haben muss. „Die Trainer brauchen einen Ansprechpartner“, sagt er. Auch weil die Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren am Laufen sei: „Wir müssen daran arbeiten und uns neu aufstellen. Andere NLZ können mit der Spielklasse ihrer Mannschaften werben. Das hat natürlich eine gewisse Strahlkraft und ist ein gutes Argument für junge Spieler.“