München – Der Satz „es wird im Verein Wert auf mein Wort gelegt“ stammt von Jupp Heynckes selbst. Und deshalb äußert ein weiser und erfahrener Mann wie er seine Worte auch mit Sicherheit nicht ganz ohne Hintergedanken. Gestern holte der Bayern-Trainer gar nicht lange aus, sondern sagte geraderaus: „Ich würde empfehlen, so schnell wie möglich die Vertragsgespräche aufzunehmen.“ Ein Satz, der sich weder um Franck Ribery noch um Arjen Robben drehte, sondern um: Sven Ulreich.
Wer am Anfang der Saison darauf gewettet hätte, dass kurz vor Weihnachten a) Heynckes Trainer des FC Bayern und b) Ulreich einer der wichtigsten Männer dieser Mannschaft sein würde, wäre heute wahrscheinlich Millionär. Da derart aberwitzige Entwicklungen jedoch selbst die Buchmacher nicht auf dem Schirm hatten, bleibt beim Blick auf die Konstellationen nur das ungläubige Kopfschütteln, verbunden mit den Klassikern „so schnell kann’s gehen’“ und „im Fußball ist alles möglich“. Für Ulreich sind beide abgedroschenen Mottos bestimmend gewesen für die Entwicklung, die er genommen hat. „Unser Erfolg“, sagte Heynckes am Tag vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln (heute, 20.30 Uhr), „ist auch sein Verdienst“. Pudelwohl fühle sich der Keeper, habe Selbstvertrauen, spüre Anerkennung. So einer, „das ist doch logisch“, muss gehalten werden, liebe Bosse!
Allein die Geschichte des schon so oft abgeschriebenen Ulreich war in den letzten Wochen ein Dauerbrenner. Nun steht der 29-Jährige heute Abend nicht mal auf dem Platz, weil man wegen seiner jüngsten Adduktorenbeschwerden laut Heynckes „kein Risiko“ eingehen wolle. Trotzdem war er im Vorfeld Thema Nummer eins. Die Meldung, dass die Bayern aufgrund der nach wie vor schleppenden Genesung von Manuel Neuer (Mittelfuß-OP) Kontakt zu Leverkusens Bernd Leno aufgenommen haben und einen Winterwechsel anstreben, dementierte nach Hasan Salihamidzic auch Heynckes vehement. „Im Hause“, sagte der 72-Jährige, sei „nicht ein Mal über die Verpflichtung eines neuen Torwarts gesprochen worden. Wir haben vollstes Vertrauen in Sven Ulreich.“
Auch wenn Heynckes nichts davon hören wollte, „übervorsichtig“ zu sein: Allein die Tatsache, dass Ulreich – obwohl inzwischen beschwerdefrei – nicht spielen wird, sondern erst am Samstag in Stuttgart und vor allem am Dienstag danach im Pokal gegen den BVB wieder im Tor stehen soll, unterstreicht den Stellenwert des Ex-Stuttgarters. Gegen das Schlusslicht Köln, das Heynckes trotz 32 Punkten Unterschied in der Tabelle „nicht unterschätzen“ will – wird er erneut von „Rentner“ Tom Starke vertreten. Der 36-Jährige hat schon im Triple-Jahr unter Heynckes vier Spiele bestritten und dabei vier Mal zu null gespielt. In Frankfurt hielt er seinen Kasten ebenfalls sauber. Der Coach hofft, „dass die Serie bestehen bleibt“.
Darum geht es auch dem gesamten FC Bayern – unbeschadet bis zur Winterpause durchzukommen. Köln soll da kein Stolperstein sein („mit dem Punktesammeln können sie ab Donnerstag anfangen“). Personell sieht es schon deutlich besser aus als noch zuletzt: Zwar fehlt Robben weiterhin (Ischias – „keine Prognose“), dafür sollen die angeschlagenen Kingsley Coman (Adduktoren) und Mats Hummels (Erkältung) im Aufgebot stehen.
Sven Ulreich wird den Platz von Tom Starke auf der Tribüne einnehmen – mal eine neue Perspektive. Von da aus hat er den besten Blick auf seine Kollegen, unter anderem Franck Ribery. Über den Franzosen und Robben sagte Heynckes übrigens: „Geduld! Mit einer Verlängerung haben wir bis zur Sommerpause Zeit.“ Botschaft nach oben: Die Causa Ulreich hat Vorrang.