„Spieler brauchen ein gefräßiges Gehirn“

von Redaktion

Kreativcoach Nowak über neue Methoden, Iniestas Arbeitsgedächtnis, Löws Faible für Sané und den Fußball der Zukunft

München – Acht Jahre arbeitete Matthias Nowak beim FC Bayern, um die kognitiven Fähigkeiten der Junioren und Frauen zu optimieren. Jetzt löste er seinen Vertrag, um sein Programm „Deep Learning“ im gesamten Profifußball zu etablieren. Im Interview erklärt der 51-Jährige, warum die Neurowissenschaft im Fußball längst ein elementarer Erfolgsfaktor ist.

-Herr Nowak, Ihre These ist, das Gehirn ist ein Muskel, der sich trainieren lässt, und gerade im Fußball läge da noch viel Potenzial brach. Wie meinen Sie das?

Es ist ein komplexes Thema, das inzwischen in Deutschland angekommen ist. Die Kognition, dass der Kopf mitspielt, ist heute entscheidender Erfolgsfaktor: Das Spieltempo ist so hoch, die Entscheidungskette kurz, da braucht es spielintelligente Spieler. Für die Technik gibt es Trainer, die auch auf hohem Niveau noch Prozente herausholen können. Aber dass sich ein Fußballer mit moderater Spielintelligenz, kognitiver Intelligenz, noch auf ein Top-Level entwickeln kann, scheint für viele Trainer unmöglich. Ich sage: Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Dass es gelingen kann, dafür braucht man jedoch die Neurowissenschaft.

-Wo setzen Sie an?

Ich habe zwei Jahre an meinem Programm „Deep Learning“ für ein kognitives Training im Profifußball gearbeitet. Das Gehirn wird im Profifußball jetzt endlich auch als eine Ressource wahrgenommen, und man will dieses Potenzial heben. Ich konnte mit dem Neurowissenschaftler Torbjörn Vestberg nachweisen: Je besser die kognitiven Leistungen, umso besser die Performance. Torbjörn hat über Jahre ein Testverfahren mit einer hohen Prognosesicherheit entwickelt. Aufgrund dieser Messresultate kann ich zielgenau mit jedem Fußballer arbeiten. Noch individueller geht es nicht. Es gibt bereits jetzt weltweit Klubs, die auf Torbjörns Messergebnissen basierend Spielertransfers tätigen – oder auch nicht. Und es gibt auch bei mir bestimmte Übungen, die nicht lügen.

-Hansi Flick sagte 2015, damals als DFB-Sportdirektor, dass die deutschen Fußballer ihre kognitiven Fähigkeiten mehr nützen müssen. Wer hat die Zeichen der Zeit seitdem erkannt?

Hoffenheim und Leipzig arbeiten in diese Richtung anscheinend nachhaltig. Thomas Tuchel bedient sich bekanntermaßen erfolgreich der Neurowissenschaften. Und natürlich Pep Guardiola über seine vielseitigen Rondos und Spielformen, basierend auf der Philosophie von Barcelona. Letztlich geht es darum, bei einem Profi die Lust zu wecken, Potenziale durch ein neues Trainingsprogramm zu erschließen. Diese neuen Erfahrungen schaffen ein noch stabileres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das Intuitive kommt wieder zum Vorschein. Heute geht es im Profifußball um Nuancen. Jede Taktik ist in kürzester Zeit entschlüsselt. Was Sie aber nie entschlüsseln können, ist die Kreativität und Flexibilität des einzelnen Spielers.

-Die Räume im Fußball sind heute enger denn je.

Exakt. Wir sehen, wie das Spiel gegen den Ball auch von weniger starken Teams perfekt organisiert ist. Heute braucht man überraschende Lösungen in einem extrem engen letzten Spieldrittel. Die können nie von der Stange kommen. Joachim Löw lädt nicht umsonst verstärkt Spieler wie Leroy Sané oder Amin Younes ein, die im 1:1 mutig und kreativ agieren. Das sind Spieler, die Räume öffnen. Mit der uns lieb gewonnenen Passgläubigkeit ist das nur eingeschränkt drin. Es gibt ein neues Modewort: „Unterschiedsspieler“. Ich bevorzuge „Kreativspieler“ und „Schwarmintelligenz“. Teams müssen unter größtem Entscheidungsdruck fähig sein, kreative Lösungen zu finden.

-Bayern-Kapitänin Melanie Behringer sagt, 20 Minuten mit Ihnen trainieren sei wie 90 auf dem Platz.

Brain Work is hard work. Das Hirn ist eine Knetmasse. Die meisten Fußballer wollen im Training tun, was ihnen Spaß macht und leicht fällt. Anders die Bayern-Frauen: Herausforderungen anzunehmen und sie zu meistern, zeichnet sie aus. Ich stelle komplexe, unterschiedliche Bewegungsaufgaben, die immer wieder variiert werden. Die Neuronen spielen in wechselnden Teams. Kognitive Flexibilität, das Arbeitsgedächtnis und die konvergente Kreativität werden dabei extrem gefordert und gefördert.

-Das klingt intensiv.

Nun, ein Overload jagt das andere, da entsteht Stress und Chaos im Hirn. Durch diese Höchstanforderungen entstehen Leistungssprünge. Durch nichts anderes. Es entstehen unter anderem auch sogenannte Dopaminduschen. Der Fußballer bleibt motiviert, freut sich auf die nächste Herausforderung. Durch ständige Synchronisierungsprozesse und stärker werdende Netzwerke entsteht ein „gefräßiges Gehirn“, und das brauchen die Spieler. Das stetige Neu- und Umlernen schafft zusätzliche Gehirnressourcen. Wenn in der Bewegungskompetenz hohe Qualität herrscht, brauchen die Spieler immer weniger kognitive Kontrolle für die motorische Umsetzung, da sie auf Autopilot schalten. Energie wird frei, die für weitere, vielleicht spielentscheidende Aktionen parat steht. Viele meiner Spieler sagen inzwischen, ihnen machen Drucksituationen Spaß. Man stiehlt sich nicht heraus, sondern löst sie. Das Spiel wird leichter. Intuitiv handeln statt Denken.

„Im besten Falle hat man den autonom spielenden Fußballer“

-Behringer sagt auch, sie war anfangs überfordert.

Mel ist ein Vorbild in jeder Hinsicht. Sie hat ein Vertrauen in ihre Fähigkeiten, das sich auf die Mannschaft überträgt. Auch wenn ihr mal ein, zwei Pässe misslingen, bleibt sie bei ihrer Linie, „online“ und handlungsorientiert. Man sieht das anderswo oft, wenn Führungsspieler nach Fehlern aufstecken und damit das Team den viel zitierten Faden verliert.

-Sie haben auch mit den Bayern-Junioren gearbeitet. Ab welchem Alter ist es sinnvoll, einzusteigen?

Je eher, desto besser. In jungem Alter empfiehlt sich, das Kognitionstraining in Wettbewerben spielerisch anzugehen. Die Wissenschaft sagt uns, dass es sehr sensible Zeitfenster in der Gehirnentwicklung gibt. Diese zu missachten, hat Konsequenzen, denn verlorene Potenziale kommen nicht wieder zurück. In der U 10 bis zur U 15 können sie sehr stark das Arbeitsgedächtnis, quasi die Schaltzentrale, fördern. Steigerungsraten von bis 100 Prozent sind drin. Kein „Unterschiedsspieler“ in den kommenden Jahren wird ein durchschnittliches Arbeitsgedächtnis haben, das kann ich garantieren. Vestberg hat vor drei Jahren bei Barcelona Xavi und Andres Iniesta gemessen – und stellte überragende Arbeitsgedächtnisleistungen fest. Vor 30 Jahren hat man noch nicht solchen Anforderungen entsprechen müssen, auch vor zehn Jahren nicht. Wir erleben zurzeit die Fußball-Evolution schlechthin. Innenverteidiger waren mal die Klopper der Nation, heute sind sie beidfüßig, müssen das Spiel eröffnen, Diagonalbälle spielen – das kann in Deutschland derzeit nur ein Mats Hummels.

-Können Sie den Bayern-Fans versprechen, dass bei den von Ihnen betreuten Junioren ein paar Spieler der Zukunft dabei waren?

Uli Hoeneß darf sich freuen. Da sind Talente dabei, bei denen ich mich jeden Tag brutal auf das Training gefreut habe. Die Bayern haben richtig gut gescoutet. Da sind Spieler mit viel Talent, großem Willen und viel Leidenschaft.

-Sie coachten Bayerns Junioren und Frauen – warum nie die Profis?

Ich muss generell sagen, dass man mit meiner Art von Training große Mauern überwinden muss. Bayerns Jugendkoordinator Peter Wenninger sagte mir anfangs klar, dass er der Sache skeptisch gegenüber stehe – ein paar Monate später waren er und der damalige Amateurtrainer Heiko Vogel überzeugt. Ich werde im Januar 52 und mir läuft die Zeit davon, um die Mauern zu Bayerns Profis zu überwinden. Ich habe dem FC Bayern aber viel zu verdanken. Sie gaben mir die Chance, mich zu beweisen.

-Wer konsultiert Sie?

Genaue Namen möchte ich nicht nennen. Aber es kommen Anfragen aus der Premier League und auch aus China, das die Nummer 1 im Weltfußball werden möchte.

-Der DFB ist auch immer sehr vorwärtsgewandt.

Ich musste neulich schweren Herzens wegen eines Fernsehauftritts eine Einladung des Bund Deutscher Fußballlehrer absagen. Ich gehe davon aus, dass wir das bald nachholen.

-Sie selbst haben früher Garrincha studiert.

Ja, Garrincha war mein absolutes Vorbild, als ich in der Jugend Westfalenliga gespielt habe. Ein kurzer Fernsehbeitrag reichte, es war um mich geschehen. Als er starb, habe ich geweint. Er gilt noch heute in Brasilien als pure Inspiration. Selbst bei Neymar lassen sich Spuren von ihm erkennen. Meine Begeisterung für den brasilianischen Fußball ist der Grund, warum wir gerade über meine Arbeit sprechen.

-Inwiefern?

1993 habe ich bei einer Hospitation beim damaligen Zweitligisten Esporta Fortaleza einen Trainer kennengelernt. Er war ein ganz unscheinbarer Typ, ich konnte ihn erst inmitten seiner Spieler gar nicht ausmachen. Er wechselte bei seinem Techniktraining immer wieder den Takt, es ging sehr tänzerisch zu, wobei die Spieler ständig Zusatzaufgaben zu lösen hatten. Ich dachte: „Oh Mann, was macht dieser Trainer?“ Ich habe ihn ins nächste Lokal eingeladen und Stunden ausgefragt. Er konnte nicht lesen, nicht schreiben, aber er antizipierte den Fußball der Zukunft. „Wir brauchen einen kühlen, schnellen Kopf“, sagte er – und genau das ist es.

-Es ist vermutlich ein harter Pionierjob, den verkrusteten deutschen Fußball aufzubrechen.

Sie sagen es. Da muss ich auch mal gestehen: Ich bin nach wie vor ein Fan von Jürgen Klinsmann – da bin ich in Bayern ziemlich alleine, ich weiß. Aber er hat viele Türen für neue Ideen aufgestoßen. Ob er ein guter Trainer ist, darüber kann man streiten. Aber er war inspirierend, mutig und wagnisreich.

-Wie sieht der Fußball der Zukunft aus? Und kann man bald noch Titel holen ohne kognitives Training?

Eigentlich müsste Brasilien bei so viel außergewöhnlichem Talent für einen WM-Titel mehr in Frage kommen als Deutschland. Die DFB-Auswahl heißt aber nicht umsonst „die Mannschaft“: Statt Weltklasse-Spielern hat man ein Weltklasse-Team. Durch kognitives Training geht es um das Beste im Spieler. Im besten Falle hat man den autonom spielenden Fußballer. Neurowissenschaftler nicken Ihnen das sofort ab, nur den einen oder anderen Trainer älteren Semesters müssen Sie erst überzeugen. Entscheidungsfreiheit auf dem Platz ist noch selten zu beobachten. Und selbst wenn, können viele Spieler diese Art von Freiheit nicht wirklich nutzen. Zukünftig sehe ich den Fußball aber wieder attraktiver, weil die nächsten Generationen an Fußballspielern ihre kognitiven Potenziale nutzen werden. Als Fans dürfen wir uns freuen.

Interview: Andreas Werner

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