Berlin – Christopher Froome beteuert beharrlich seine Unschuld, doch die Radsportwelt reagierte mit Wut und Fassungslosigkeit auf den positiven Dopingtest des viermaligen Tour-Siegers. „Unsere Glaubwürdigkeit und die unseres großartigen Sports steht auf dem Spiel“, schimpfte der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin. Frankreichs große Sporttageszeitung L’Equipe fragte: „Was treibt Froome für ein Spiel?“ Und selbst seine britische Heimat ging auf Distanz zu ihrem Helden: „Die traurige Wahrheit ist, dass wir dem Radsport nicht mehr trauen können“, schrieb die Daily Mail.
Froomes auffälliger Dopingtest mit einer deutlich überhöhten Konzentration des Asthmamittels Salbutamol droht den Ruf des Radsports nachhaltig zu beschädigen. Sein Name wird bereits in einem Atemzug mit überführten Betrügern wie Lance Armstrong oder Floyd Landis genannt. „Könnte Froome so fallen wie Armstrong?“, titelte der Figaro in Paris.
Im Fahrerlager sorgte der Befund des derzeit prominentesten und erfolgreichsten Fahrers für ein Beben, auch die deutschen Fahrer reagierten empört, sie fürchten um die Früchte jahrelanger Aufbauarbeit. Katjuscha-Profi Martin steht neben Fahrern wie Marcel Kittel oder John Degenkolb für den jüngsten Aufschwung des Radsports in Deutschland, der im Sommer mit dem Tour-Start in Düsseldorf seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Der Schaden ist angerichtet, sein Ausmaß allerdings noch unklar.
Martins scharfe Kritik richtete sich vor allem an den Weltverband UCI. Der 32- Jährige äußerte Vertuschungsvorwürfe. „Ich bin total wütend. Im Fall Christopher Froome wird definitiv mit zweierlei Maß gemessen“, sagte Martin. „Das, was hier läuft, ist inkonsequent, intransparent, unprofessionell und unfair.“ Es enstehe der Eindruck, dass „da hinter den Kulissen gemauschelt wird, Absprachen getroffen werden und nach Wegen gesucht wird, wie er doch aus diesem Fall rauskommt“.
Auch international fiel das Echo verheerend aus. „Die Radsportgeschichte wiederholt sich“, schrieb die New York Times in Anspielung auf gefallene Helden wie Armstrong, Landis oder auch Jan Ullrich: „Es fällt schwer, überrascht zu sein von der Nachricht, dass der dominanteste aller Radrennfahrer positiv getestet wurde.“
Die im Radsport einflussreiche L’Equipe, die eng mit dem Tour-Veranstalter ASO verbandelt ist, schrieb weiter, Froome sei am 20. September, dem Morgen des Zeitfahrens bei der WM, über den anormalen Test informiert worden. „Dennoch hat er sich seit diesem Tag in einen Mantel der Tugendhaftigkeit gehüllt und seine Karriere weitergeführt, als wenn nichts passiert wäre.“
Auch in England herrschte Fassungslosigkeit. Der Guardian spekulierte, dass die Affäre Froome „der letzte Nagel im Sarg“ von Froomes Team Sky sein könnte. Der britische Toprennstall hatte bereits in der Affäre um Ex-Profi Bradley Wiggins kein gutes Bild abgegeben. Ihm stehen unruhige Zeiten bevor.
Froome war bei seinem Vuelta-Triumph im vergangenen September bei einer Dopingprobe positiv getestet worden. Die UCI sah gemäß ihren Regeln noch von einer Suspendierung ab, sie wollte zunächst weitere Informationen von Team und Fahrer einholen.
Froome beteuerte unterdessen erneut seine Unschuld. „Ich verstehe, dass das für alle ein großer Schock ist. Ich habe sicherlich keine Regeln gebrochen“, sagte er im BBC-Interview. Dies sei „kein positiver Test“ und daher sei auch kein Imageschaden entstanden.
Der gebürtige Kenianer, dem eine Sperre und die Aberkennung seines Vuelta-Siegs droht, verwies auf seine Asthmaerkrankung. „Ich bin seit zehn Jahren Radprofi, ich behandle meine Symptome und fahre seit zehn Jahren mit Asthma“, sagte Froome. Er kenne die Regeln und wisse, wo die Grenzen lägen. Im beanstandeten Test war der Grenzwert des Asthma-Medikaments Salbutamol um 100 Prozent überschritten.