München – Aus der Bayern-Kabine wurden schon viele Gerichte in die tiefe Nacht getragen. Es gab die Sushi-Zeit genau wie die Nudel-Hochphase, und zwischendurch, unter Carlo Ancelotti, wurden auch mal Pizza-Kartons durch die Katakomben balanciert. Kohlenhydrate lautet das Zauberwort, wenn man seine Energiespeicher schnell wieder auffüllen will und muss, weil alle drei bis vier Tage ein Spiel ansteht. Am Mittwochabend nach dem 1:0 gegen Köln setzte Thomas Müller die Anweisung auf eine Art um, die Ernährungsberatern nicht gefallen haben dürfte. Als er vor die Mikrofone trat, hielt der in der linken Hand: Einen Eisbecher.
Schoko und Vanille hatte sich der 28-Jährige ausgesucht, eine gute Kombination – und besonders in der Weihnachtszeit ist ja offiziell mehr Süßes erlaubt als im Rest des Jahres. Trotzdem fiel auf, dass Müller seine Leckerei betont unauffällig nach unten hielt, nah an seinem Körper. Ein möglicher Grund dafür: Keine fünf Minuten vor ihm hatte sich Robert Lewandowski am exakt selben Ort den Fragen der Journalisten gestellt. Der Pole, ein Ernährungsfanatiker und Asket, hatte freilich keine Süßigkeiten stibitzt. Und er sagte: „Wir dürfen noch nicht an Weihnachten denken. Wir müssen alles geben, was wir noch im Körper haben.“
Zwei Partien stehen bis zu den Festtagen an. Während das Gastspiel in Stuttgart am Samstag vor allem unangenehm und kalt werden dürfte, wird es am kommenden Mittwoch im Pokal-Achtelfinale gegen Dortmund noch einmal heiß hergehen. Man erinnert sich in Bayern-Reihen gut an die bitteren Halbfinal-Abende gegen den BVB, die 2015 und 2017 jeweils verloren gingen. „Wach und fokussiert sein“ ist daher Lewandowskis Motto. Und der Pole sprach auch deutlich an, dass eine Leistung wie jene beim Arbeitssieg gegen das Schlusslicht weder im Schwabenland noch beim krönenden Jahresabschluss reichen werde.
Gegen Köln war es mal wieder er selbst, der aus einem müden 0:0 ein müdes 1:0 machte und ganz nebenbei mit seinem 166. Bundesliga-Treffer auf Platz zehn der ewigen Torschützenliste sprang. Der persönliche Erfolg bedeutete ihm freilich nichts, vielmehr ging es um die drei Punkte, die die Bayern auf neun Zähler von dem neuen Zweiten Schalke (übrigens: dem schwächsten Verfolger seit Einführung der Drei-Punkte-Regel) absetzte. Auch wenn das Abendspiel gegen Köln laut Müller „schwere Kost“ und „ganz schön zäh“ war: Am Ende stand der Ertrag und die Erkenntnis, dass die Bayern auch solche Spiele für sich entscheiden. Sebastian Rudy: „Man muss fit in der Birne sein.“
Auch Trainer Jupp Heynckes hatte gesehen, dass seine Mannschaft „nicht lebendig und spritzig genug“ gewesen war, und er sagte: „Bis auf Rafinha hätte ich alle Feldspieler rausnehmen können.“ Er reagierte schon zur Halbzeit und belebte die Partie durch die Einwechslungen von Kingsley Coman und James. Trotzdem gab Müller zu, dass man nach dem Führungstreffer „nicht unbedingt das Feuer versprüht“ habe, „noch auf das 2:0 oder 3:0 gehen“. Die Erklärung war simpel: „Wir merken langsam, dass die Hinrunde lang wird.“ Es sei daher „clever“ gewesen, wie schon in Frankfurt einen Gang runterzuschalten.
Die Tatsache, dass Köln nichts anderes tat als mit Mann und Maus zu verteidigen (und das ziemlich gut), erhöhte den zu leistenden Kraftaufwand an diesem bitterkalten Abend in der Allianz Arena. Der Endspurt geht allen Beteiligten an die Substanz, ein Beweis: Lediglich sechs statt sieben Ersatzspieler saßen auf beiden Bänken. Heynckes hatte unter anderem Joshua Kimmich und Javi Martinez eine Pause gönnen wollen. Die Kräfte sollen dosiert werden, weil eben noch dieses „Endspiel“ (Lewandowski) ansteht.
Die übliche Floskel „von Spiel zu Spiel denken“ wurde am Mittwoch kaum bemüht. Zwar schrieb Müller der Partie in Stuttgart psychologischen Wert zu und sagte: „Wenn wir am Samstag nicht gewinnen, gehen wir mit einer gewissen Frustration in die letzte Woche.“ Man startet aber so oder so als unangefochtene Nummer eins und designierter Deutscher Meister ins neue Jahr.
Bezeichnend ist dennoch, dass das K.o.-Spiel gegen Dortmund mitentscheidend ist für die Bilanz dieser verrückten Hinrunde. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass Müller sich noch ein wenig Süßkram gönnte. Schokolade soll ja glücklich machen – und spätestens ab jetzt ist alles Kopfsache.