Wenn schon Trinkpausen digital werden

von Redaktion

Andreas Walter ist, was er heute als großes Glück bezeichnen darf, noch in einer weitgehend analogen Welt aufgewachsen. Er hat viel Sport betrieben, ist später ein recht passabler Handballspieler geworden, erfolgreich auch im Beruf, hat Freunde gefunden, Kontakte geknüpft (was damals ohne Facebook, Instagram und WhatsApp natürlich etwas aufwendiger, aber nachhaltiger war). Heute kümmert er sich um den sportlichen Nachwuchs, ist Vorsitzender der Handball-Akademie Bayern (HAB), und was er da manchmal beim Training mit den jungen Leuten erlebt, ließ ihn nachdenklich werden.

Trinkpausen, das weiß er aus eigener Erfahrung, sind eminent wichtig für Sportler. Was ihn aber wunderte war, dass die Jungs danach keineswegs frischer und konzentrierter wirkten. Im Gegenteil. „Hippelig“ seien sie plötzlich gewesen, nicht mehr richtig bei der Sache. Dem Griff zur Trinkflasche, fand er heraus, war umgehend der Griff zum Smartphone gefolgt, schnell wurden Nachrichten gecheckt, Antworten gepostet. Und die Konzentration auf Handball war erst mal futsch.

Eine Krankheit? Eine Gefahr? Eine Sucht?

Nun sind die Jungs von der Akademie ja noch nicht einmal so akut gefährdet wie die vielen anderen Jugendlichen, die nicht von sportlichem Lorbeer, der Bundesliga oder Nationalmannschaft träumen. 2015, so schrieb kürzlich der „Spiegel“, beschäftigten sich junge Leute täglich sieben Stunden und 57 Minuten mit Medien, die meiste Zeit davon verbrachten sie im Netz. Es sind sogar noch mehr, glaubt Dietmar Wiewiora, der sich beruflich mit Lese- und Rechtschreibschwäche von Kindern befasst. Ein Beruf mit Perspektive, wissenschaftliche Studien warnen vor einer Zunahme von Schreib- und Leseschwächen, Sprachentwicklungsstörungen und Konzentrationsproblemen, für Wiewiora kein Wunder: „Was passiert denn in Köpfen und Körpern von Heranwachsenden, die sich stundenlang auf Bilder, Texte, Zeichen wie Icons und Emoticons konzentrieren?“

Eine Krankheit? Eine Gefahr? Eine Sucht? Egal, für Wiewiora und Walter jedenfalls Anlass genug, endlich gegenzusteuern. „Zeit ohne Netz“ haben sie ihre Initiative genannt, mit der sie wieder mehr Farbe, mehr Freude, mehr Abwechslung und damit mehr Kreativität in das virtuell geprägte Leben von Kindern bringen wollen. Wobei sie die neuen Medien keineswegs verteufeln oder eine Entwicklung zurückdrehen, die tägliche Überflutung mit akustischen und visuellen Reizen aber eindämmen wollen. Zeiten ohne Medienkonsum, in denen die kindliche Motorik und Haptik neu entdeckt werden, seien nicht nur möglich, sondern notwendig.

In der Geschäftsstelle der Handball-Akademie in Schwabing arbeitet nun Andreas Walter, unterstützt von einer Sportstudentin und einem FSJ-ler, an der praktischen Umsetzung des ambitionierten Projekts. Man wolle den jungen Leuten „das eigentliche Leben“ zeigen, sagt Walter, sie „mit Sport-, Spiel- und Bewegungsangeboten aus der Bildschirmlethargie befreien“, sagt Wiewiora. Die Frage ist, kann man heute noch surffreie Zonen einrichten, in denen der direkte menschliche Kontakt Priorität hat? „Wir sagen entschlossen ja“, so die Initiatoren.

„Zeit ohne Netz“ will dabei weit über den Handball, über den Sport hinaus wirken, man will mit Partnern aus den verschiedensten Lebensbereichen kooperieren, mit anderen Verbänden zusammenarbeiten, Seminare anbieten, Heranwachsenden Dinge zeigen, die ein Leben bereichern. Die Palette reicht von Sport über Tanz und Musik, Outdoor und Abenteuer, Tier und Natur bis zu Literatur und Kunst. Im März soll das Projekt so weit sein, dass es einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. Denn die Zeit drängt.

Es sind erschreckende Zahlen. Alle 18 Minuten, so das BR-Politmagazin „kontrovers“, blicken wir aufs Handy, 88-mal täglich nehmen wir es in Hand. „Je öfter wir aufs Smartphone schauen, desto unproduktiver werden wir“, warnt Professor Christian Montag. Denn nach jeder Störung brauchen wir etwa 15 Minuten, um die Konzentration wieder herzustellen. Der Psychologe, der an der Uni Ulm zur Smartphone-Nutzung und deren Folgen forscht, bestätigt damit die Beobachtung, die Andreas Walter während der Trink- und Trainingspausen seiner Jungs gemacht hat. Schätzungsweise eine halbe Million Menschen seien Internet-süchtig, am meisten gefährdet sind die 16- bis 20-Jährigen.

Auswüchse dieser Krankheit, die noch nicht als solche anerkannt ist, werden an der „Insula“ behandelt, einem Rehazentrum für übergewichtige Jugendliche im malerischen Berchtesgadener Land. Übermäßiger Internet-Konsum nämlich wird oft begleitet von Unmengen Chips und Cola, von Schule schwänzen, und wenn man dann bis zu 24 Stunden am Tag vor der Mattscheibe in virtuellen Spielen kämpft, legt man schon mal, auch mangels Bewegung, so kräftig zu, dass das Körpergewicht weit über die 100 Kilo hinausschnellt. Wolfgang Siegfried, ärztlicher Leiter in der „Insula“, nennt die noch nicht definierte Krankheit das „ISO-Syndrom“, I für Internetsucht, S für schulvermeidendes Verhalten und O wie Obesitas, krankhaftes Übergewicht. Und ganz am Anfang stehe meist die Mediensucht.

Verzehnfacht hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit starkem Übergewicht in den letzten vier Jahrzehnten, so die Weltgesundheitsorganisation im Oktober, in Deutschland sind laut einer Erhebung des Robert Koch-Instituts 19 Prozent aller Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren übergewichtig und zehn Prozent krankhaft dick. Dies alles nun nur auf die neuen Medien zu schieben, wäre zu einfach, der Verdacht aber, dass sie maßgeblichen Anteil daran haben, drängt sich auf: 43 Prozent der Zehnjährigen besitzen ein eigenes Smartphone, praktisch jeder aus der Gruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen. Dabei müssten Kinder, so Professor Montag, „ganz analog direkt miteinander spielen.“ Je jünger, umso mehr.

Denn die Physis ist die eine, die Psyche die andere Seite der Medaille. Was ziehen wir für Kinder heran in Zeiten der Digitalisierung, züchten wir Monster ohne Empathie, ohne Emotionen, ohne Kreativität? Unerheblich sei sie sicherlich nicht, diese Gefahr, glaubt Walter. Und Wiewiora fürchtet schon den Verlust von emotionalen Kompetenzen, malt das düstere Bild von „rein digitalen Freundschaften“, von Verstümmelung der Sprache, von einer Unfähigkeit, echte Beziehungen aufzubauen, von Sinnleere.

Vor allem die dunklen Farbtöne fallen auf bei diesem Zukunftsbild, dabei wollen weder Walter noch Wiewiora den Nutzen verkennen, den die Digitalisierung in unser Leben gebracht hat. Man wolle auch die Zeit nicht zurückdrehen, sicher nicht, wie bei so vielen Dingen aber gehe es um den schmalen Grat zwischen Maß und Übermaß. Das Internet hat das Leben noch schneller gemacht, Wiewiora vermisst auch die Langeweile, etwas Muße nämlich sei die Voraussetzung für Kreativität. Und wie viel an Zeit für uns, für Freunde, für Partner und Mitmenschen ließe sich gewinnen, wenn wir nur für ein paar Stunden am Tag das Smartphone ausschalten, möglichst weit weg legen und uns nicht zu dessen Sklaven machen ließen?

Kinder zurückholen in die reale Welt

Der Sport, da sind sich Walter und Wiewiora einig, hat die Kraft, die Zukunft unserer Kinder wieder gesünder, natürlicher, besser und menschlicher zu machen, weil er all das bietet, was man dafür braucht: Gefühl für den Körper, Emotionen, Vorbilder, eine „reale“ Welt als Kontrapunkt zur virtuellen, echte Freunde, denen man in die Augen schauen kann, statt der vielen tausenden Facebook-Freunde, die man oft nicht einmal persönlich kennt. Darum geht es.

„Zeit ohne Netz“, das klingt zunächst vielleicht ein wenig angsteinflößend, kann aber so bereichernd sein. Das will diese Initiative den Kindern und Jugendlichen zeigen, sie will sie zurückholen in die Realität, ihnen all die schönen Dinge zurückgeben, die in den virtuellen Welten von „Metin““, „League of Legends“ oder „Minecraft“ verloren zu gehen drohen. Man will damit in Vereine gehen, an Schulen, man setzt auf breite Unterstützung aus allen gesellschaftlichen Bereichen, von Prominenten, Schauspielern und Sportlern. Es soll zu einem großen Projekt werden. Wie groß? „Wir haben keine Angst, dass es zu groß wird“, sagt Walter. Dann schon eher die, dass das Thema nicht die Wahrnehmung erlangt, die es verdient. „Es geht“, sagt Wiewiora, „um unsere Kinder und die Zukunft unserer Gesellschaft.“

Artikel 5 von 11