Der Fluch der guten Tat

von Redaktion

Jupp Heynckes hat dem FC Bayern das Jahr 2017 gerettet – das wird bis tief in 2018 hineinwirken

VON ANDREAS WERNER

München – Klettert er inzwischen schon wieder flotter die drei Stufen zum Podium im Presseraum an der Säbener Straße nach oben? Irgendwie ja. Man ist ja immer ein bisschen besorgt um Jupp Heynckes, diesen Mann, der ebenso treu wie agil ist, was der FC Bayern geradezu schamlos ausnutzt, eigentlich jedes Mal, wenn der Klub in Not gerät. 72 Jahre hat der Trainer im Kreuz, da hüpft man nicht mehr so munter Stufen rauf und runter, und einen Windmühlen-Jubeltanz wie ihn der 32-jährige Schalker Domenico Tedesco am Wochenende dargeboten hatte, würde den Trainer der Bayern vermutlich auf direktem Weg in die Praxis des begnadeten Orthopäden Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt führen. Nicht, dass Heynckes dort schlecht aufgehoben wäre, aber wie gesagt: Man sorgt sich ja und wünscht ihm Gesundheit.

Aber muss man sich überhaupt sorgen? Heynckes blutete im Oktober mal die Nase. Ansonsten ist er top unterwegs. Selbst stufensteigend.

Schwalmtal ist nun das bekannteste Gehöft der Republik

Er sehne sich nach Ruhe, meinte Heynckes gestern auf der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel gegen Dortmund. Über Weihnachten sei er endlich wieder zuhause, sagte er, auf seinem Bauernhof im Schwalmtal, der in den vergangenen Monaten sicher der bekannteste der Republik geworden ist, bekannter noch als jedes Gehöft aus „Bauer sucht Frau“. In der grenzwertigen TV-Serie fahnden Männer nach der Liebe ihres Lebens. Bei Heynckes liegen die Herzensangelegenheiten etwas komplizierter, hat er doch gleich zwei davon: Gattin Iris zuhause im Schwalmtal ist seine Nr. 1. Es gibt aber noch diesen FC Bayern. Über Weihnachten wird er endlich mal Zeit haben, die letzten Monate Revue passieren zu lassen, sagte er. Seitdem er im September in einer Hauruck-Aktion den Trainer-Job bei den Münchnern angetreten hat, hatte er keine Zeit zum Nachdenken. Jetzt wird er das nachholen – „und dann auch schon die Konzentration auf den 2. Januar richten“.

Am zweiten Tag des neuen Jahres geht es bereits wieder weiter, und man ahnt: Allzu lange wird sich Heynckes unter dem Christbaum nicht mit dem Rücklauf der Bilder seit September aufhalten. Er weiß ja auch so, dass er dem FC Bayern, seinem FC Bayern, das Jahr 2017 gerettet hat. Und dass ihn nun der Fluch der guten Tat begleiten wird. Die Bayern-Führung schaut auch seit Wochen genau hin, ob der Coach Stufen wacklig oder flott rauf- und runterkraxelt. So ein ausgefüllter Job im Rampenlicht kann ja wie ein Jungbrunnen wirken.

Heynckes ist Uli Hoeneß auch nicht böse, dass es letzte Woche bei einem Fanklub zu einer Abstimmung bezüglich seiner Zukunft gekommen ist. 300:0 lautete das Votum für einen Verbleib des Trainers. Der Präsident versprach, Volkes Meinung mit an die Säbener Straße zu bringen. Die Kunde kam aber vor ihm an, typisch für die heutige Zeit,

Hoeneß hofft. Aber es liegt alles nur an Heynckes.

und einige zuckten schon zusammen, warum dieser Hoeneß denn keine Ruhe gibt, wo der Coach doch mehrfach gesagt hatte, er wolle im Sommer zurück auf seinen Bauernhof. Der Fanklub heißt im Übrigen „Schießamer Red-White Dynamite“ – doch von Sprengkraft wollte Heynckes gestern nichts wissen: Er kenne ja seinen Spezl Uli, sagte er, „er ist emotional. Nach unserem Sieg in Stuttgart war er sicher gut aufgelegt, und da hat er halt alle Themen bearbeitet.“ Inklusive eben der Trainer-Personalie. Und der 72-Jährige ist erfahren genug, um zu wissen, dass man einen Retter ungern ziehen lässt.

Es liegt letztlich alles an ihm, nur an ihm. Gefällt es ihm vielleicht doch wieder? Hat er die Kraft, vor allem im Winter werden Reserven angezapft? Hoeneß hofft, das wurde deutlich, dass Heynckes den Bayern ein weiteres Jahr Spielraum verschafft. Er will ihn bauchpinseln, nicht unter Druck setzen. Aber ob Heynckes schwach wird?

Das Schwalmtal hat auch seine Reize. Vier Jahre habe er dort, „ich will nicht sagen Schweine gefüttert, aber ich war viel mit meinem Hund spazieren“, erzählte er. Das tat ihm gut. Können da Pokalspiele wie das heute gegen Dortmund mithalten? Ob er sich nicht Sorgen mache, bei einer Niederlage würde es in München sicher unruhig werden, wurde er gestern gefragt. Nein, sowas beschäftige ihn nicht, antwortete Heynckes. „Es gibt so viel Wichtigeres auf der Welt, Konflikte, Kriege – das hier ist nur ein Pokalspiel, und ich habe in meiner Karriere schon alles erlebt, große Erfolge wie große Niederlagen. Ich werde mit allem fertig.“ Dann lauschte er seinen Sätzen nach und meinte: „Mit Niederlagen werden ich aber etwas schlechter fertig.“ Er grinste. Vermutlich ist das das Geheimnis, der Motor, für alle Stufen: Erfolg. Als Bayern-Trainer hat man darauf eine gewisse Garantie.

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