Man hat sich im Laufe von Justin Gatlins Karriere über manches wundern müssen. Über seine frühen Erfolge (schon mit 22 Jahren wurde er 100-m-Olympiasieger), über seine Skrupellosigkeit (zwei positive Dopingtests), über seine unerschütterliche Dreistigkeit (nach vierjähriger Sperre kehrte er 2010 zurück, als sei nichts gewesen), über seine wundersame Spätform (mit 35 wurde er noch einmal Weltmeister) und auch über seine Nehmerqualitäten. Denn die Reizfigur der Leichtathletik wird seit Jahren von gnadenlosen Pfiffen der Fans verfolgt. Der Muskelprotz, der für viele die dunkle Seite der Leichtathletik verkörpert, wurde stellvertretend für die zahlreichen Sünder dieses Metiers als ewiger Buhmann abgestraft. Eine hartes, vielleicht sogar unangemessenes Los. Doch die neuesten Anschuldigungen legen den Schluss nahe, dass Gatlin sich die Schmähungen redlich verdient hat. Zum dritten Mal steht er im Mittelpunkt einer Dopingaffäre. Seine Skandalgeschichte – und damit auch jene der Leichtathletik – scheint kein Ende zu nehmen.
Im Grunde ist der Ruf der weltbesten Sprinter, einst Hauptattraktion von Olympias Königsdisziplin, ja längst ruiniert. Von den zehn schnellsten 100-m- Läufer der ewigen Bestenliste sind deren neun als Betrüger aktenkundig geworden. Erstaunlicherweise wurde allein bei Supermann Usain Bolt, Primus dieser dopingverseuchten Branche, niemals eine Missetat ruchbar. In kaum einem anderen Wettbewerb spiegelt sich die Krise der Leichtathletik so exemplarisch wider wie über die 100 Meter.
Beim Wiederholungstäter Gatlin fällt es besonders schwer, seinen aktuellen Dementis Glauben zu schenken. Widerspricht es doch auch sportlicher Logik, dass er in einem Alter, in dem andere ihren Zenit längst überschritten haben, schneller rennt als in seinen exzessivsten Dopingzeiten. Seine Bestmarken über 100 m (9,74) und 200 m (19,57) stellte der Ex-Weltrekordler 2015 auf. Also als 33-Jähriger. Fürwahr: Kaum zu glauben. Und doch gilt es, fairerweise festzuhalten, dass derzeit zwar starke Indizien vorliegen für Gatlins Unverbesserlichkeit, aber noch keine Beweise. Nunmehr sind die Ermittler am Zug. Sollten sie fündig werden, wäre dies ein weiterer schwerer Schlag für die ohnehin längst besorgniserregend remponierte Leichtathletik.