München – Der „Fall des Kaisers“, die 45 Minuten lange Doku der ARD über Franz Beckenbauer, beginnt mit Sequenzen von schneebeflankten Tiroler Straßen, aus dem „Off“ sind Stimmen zu hören. „Ich mache mir große Sorgen, er ist verschwunden“, sagt eine, sie gehört dem TV-Mann Marcel Reif. Der Stress habe ihn mitgenommen, berichtet eine andere, der fränkische Dialekt enttarnt Lothar Matthäus. Die Fahrt stoppt bei einer Weggabelung: Kaiserweg ist auf einem Schild zu lesen, es weist nach oben, in die Tiroler Bergwelt. wo Franz Beckenbauer lange lebte. Die ARD hatte sich auf die Suche nach der Fußball-Ikone, den Kaiser, begeben. So richtig gefunden hat sie ihn nicht.
Matthäus traf den 72-Jährigen erst neulich. „Er sieht nicht mehr so frisch aus“, erzählt er, doch das Lächeln und die Art seien noch immer wie früher. Beckenbauer ist stets einer gewesen, der für jeden ein nettes Wort übrig hatte, mindestens, und das vom Staatschef bis zur Sekretärin. Ein Phänomen, dieser Mann, von dem jeder etwas wollte, ob in Deutschland, Dschibuti oder Dagestan – und auch jeder immer etwas bekam, und sei es nur ein Lächeln. Das Lächeln hat die jüngste Zeit aber rausradiert aus seinen Zügen; bei seinen raren öffentlichen Auftritten leuchten die Blitzlichter inzwischen Schatten unter den Augen und Falten um die Mundpartie aus. Vor ein paar Wochen musste er das zweite Mal binnen eines guten Jahres am Herz operiert werden. Uli Hoeneß ließ am Wochenende wissen, seinem Freund sei es schon besser gegangen. Und nun fragt sich Deutschland: Wie steht es um den Kaiser?
Die Frage hat viele Facetten, denn über den Kaiserweg hat sich ein Schatten gelegt. Verzeihen oder verurteilen? Auch das treibt die Deutschen bei Beckenbauer um. Die WM 2006 war sein Verdienst – die Korruptionsvorwürfe, die danach um die Turniervergabe aufkamen, trafen ihn aber auch. 6,7 Millionen Euro sollen geflossen sein, unübersichtlich wohin, von einem Beckenbauer-Konto nach Katar, so heißt es. In der Dokumentation wird Volkes Meinung gehört. Lichtgestalt sei er keine mehr, so ein Fan, man verzeihe ihm vieles, aber nicht alles. In anderen Ländern hätte er einen Orden bekommen, sagt ein anderer, die Deutschen seien einfach alle Neidhammel: „Hier trampelt man nur auf ihm rum.“ Im Ausland höre er oft, so billig zu einer WM gekommen zu sein, das solle man feiern, berichtet Matthäus, „die Leute fragen, warum wir so mit unseren Helden umgehen“.
Seit der „Spiegel“ den Titel „Das zerstörte Sommermärchen“ brachte, haben Beckenbauer, das Kind des Glücks, die Schicksalsschläge heimgesucht: Die Vorwürfe, gesundheitliche Probleme, der schwerste Schlag war der Tod seines Sohnes Stephan, der im Sommer 2016 mit 46 einem Tumor erlag. Der „Kaiser“ ist nicht mehr der Alte.
Er, der einst den Fußball salonfähig machte, als er in den 70er-Jahren beim Wiener Opernball auftauchte, bei den Wagner Festspielen und sogar New York eroberte. Die Kollegen von einst halten zu ihm, unverbrüchlich. „Ihr könnt schreiben, was Ihr wollt“, sagt Paul Breitner, „ich werde nicht ein Haar an Franz, nicht eines, krumm werden lassen.“ Und dann wird er richtig grantig: „Ja, verdammt noch mal: Welche Großveranstaltung wurde in den letzten 100 Jahren nicht gekauft?“ Da hat er sicher nicht Unrecht.
Doch selbst Edmund Stoiber, der in der Dokumentation als Freund des „Kaisers“ auftritt, sagt: „Wenn Vorwürfe da sind, muss man sich zu Vorwürfen äußern. Wir machen da keinen Halt vor irgendwelchen Größen, im Gegenteil.“ Wen er mit „wir“ meint, bleibt vage. Am Ende der Doku werden vermehrt Bilder vom Sommermärchen eingespielt, im Hintergrund läuft der WM-Song „Zeit, dass sich was dreht“. Es sind schöne Bilder, die das Deutschland-Bild im Ausland maßgeblich verändert haben. Verzeihen oder verurteilen? Am Schluss spricht noch mal Marcel Reif. „Weder noch“ ist seine Antwort. „Ich kann mich nicht zu seinem Anwalt aufschwingen – aber ganz sicher bin ich nicht sein Ankläger. Und jeder, den es dazu treibt, in eine dieser Rollen zu schlüpfen, ist gut beraten, ein bisschen nachzudenken.“