Dortmund macht es spannend

45 Minuten, zwei Gesichter

von Redaktion

Das Bild von Jupp Heynckes sprach Bände. Als das 1:0 gegen den BVB gestern Abend gefallen war, zog sich der 72-Jährige erst mal auf die Trainerbank zurück. Er nahm sich eine Flasche, gönnte sich einen Schluck Wasser, atmete durch und stand auf. War was? Seine Bayern hatten doch nur ein Tor geschossen. So wie in jeder Partie, seitdem er das Sagen hat.

Ja, es gab an den Fußball-Stammtischen der Republik noch ein paar selbst ernannte Experten, die wirklich noch an die alten Klassiker „in einem Spiel ist alles möglich“ und „Dortmund und Bayern begegnen sich auf Augenhöhe“ geglaubt haben. Lange dachte man gestern, dass sie im letzten Spiel 2017 schon eines Besseren belehrt wurden, als der Ball im Pokal-Achtelfinale gerade erst losgerollt war. Die Gastgeber begannen so drückend überlegen, dass das Zuschauen dem neutralen Fan zwischendurch fast wehtat. Den Anschein eines echten Clasicos machte diese Partie lange nicht wirklich.

Sieben Jahre hintereinander sind die beiden als Branchenführer eingestuften Teams nun im Pokal aufeinandergetroffen. Die Häufigkeit des Duells spricht dabei ebenso für die Qualität beider Mannschaften wie die Bilanz von 3:3-Siegen aus den letzten sechs Partien. Es gab überlegene Erfolge (Dortmunds 5:2 im Finale 2012), genau wie spannende (Bayerns Endspiel-Sieg 2014) und kuriose (Elfmeterschießen des Halbfinals 2015). Und es gab auch schon Spiele wie gestern, die lange wirkten wie entschieden – doch dann noch mal spannend wurden.

Davon, dass sich Heynckes’ Team dem Ort, an dem 2015 eine Niederlage inklusive Rutschpartie vonstattengegangen war, anfangs so standfest gab, wie es ihm vor gerade mal zweieinhalb Monaten so gut wie niemand zugetraut hatte, durfte man sich nicht blenden lassen. Die Bayern machten lange alles richtig – dominierten von Beginn an, schlugen ein zweites Mal zu, als Dortmund gerade Hoffnung hatte. Dass sie aber noch ins Wanken gerieten, ist das logische Resultat eines langen Jahres, das untypisch für diesen Verein war. Eine Siegesserie und ein Trainerwechsel mit scheinbar magischer Wirkung können nicht darüber hinweg täuschen, dass dieses 2017 viel Kraft gekostet hat. 45 Minuten hat man ihnen gestern Abend wieder alles zugetraut, 45 Minuten aber eben auch nicht.

Wenn’s läuft, dann läuft’s, sagt man ja – aber nicht alles ist ein Selbstläufer. Gestern ist es noch mal gut gegangen, und dass im DFB-Pokal selbst der eigentliche Dauer-Nerver nun aus dem Weg geräumt ist, macht den Weg auf zwei Titel so gut wie frei. So denkt zumindest Stammtisch-Deutschland. Anders als Heynckes, ein nüchterner Mann. Der schimpfte am Schluss, als seine Flasche längst leer war.

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