München – Im zweiten Teil unseres Interviews spricht der frühere Bayern-Kapitän Stefan Effenberg über die Bayern im Jahr 2018, die Defizite der Bundesliga in Europa sowie deutsche WM-Chancen.
-Herr Effenberg, was sind die größten Herausforderungen des FC Bayern für das Jahr 2018?
Arjen Robben und Franck Ribery sind im Kader die größten Baustellen. Sollten beide gehen, hätte das ja Einfluss auf den Spielstil. Ich sehe auch ein Fragezeichen bei Manuel Neuer – obwohl er sagt, er spielt die WM, sollte man die Verletzung nicht unter den Tisch schieben. Er muss im März bei 100 Prozent sein. Sonst wird es eng. Wobei ich bei Marc-André ter Stegen kein Bauchweh hätte, wenn er bei der WM im Tor steht. Da hat Joachim Löw kein so großes Problem – obwohl Neuer selbstverständlich eine Klasse für sich ist. Aber ich hatte mal eine längere Auszeit, wegen der Achillessehne. Als ich zurückkam, merkte ich: Puh, das dauert, bis du wieder in deinem Spiel zuhause bist.
-Bei Bayern kam zuletzt sogar Bernd Leno ins Spiel.
Ja, aber an Lenos Stelle würde ich Bayern nicht machen. Genauso Kevin Trapp. Da bleibe ich lieber Backup in Paris, als es bei Bayern zu sein. Für beide wäre die Perspektive bei Bayern ja immer nur, hinter Neuer auf der Bank zu sitzen. Wird die Personalie Neuer im Frühjahr nicht noch einmal spannend, sind die Bayern für 2018/19 schon jetzt gut aufgestellt. Bis auf die Außen.
-Sollte man mit Robben und Ribery verlängern?
Da gibt es aktuell keinen Grund, den Vertrag und den Stift rauszuholen. Das macht der FC Bayern schon richtig, da erst mal zu beobachten und zu schauen, was im Februar oder März passiert.
-Der Weg des FC Bayern ist, auf den Nachwuchs zu setzen. Ist das richtig so?
Sie haben in das Leistungszentrum investiert, das ist auch gut so. Trotzdem ist der FC Bayern kein Ausbildungsverein. Es ist gut, wenn man da den ein oder anderen hochziehen kann. Die Mischung macht es. Du kannst nicht pausenlos 50, 80, 120, 150 Millionen investieren, auch Bayerns Geld ist endlich.
-Die größte Personalie ist natürlich der Trainer.
Die Bayern gehen da klug vor, indem sie sich Zeit lassen. Mit Jupp Heynckes haben sie Zeit gewonnen, um alles zu ordnen und aus dem einen oder anderen Fehler wie Carlo Ancelotti zu lernen. Für die Spieler ist es wichtig, dass Ruhe herrscht – denn natürlich werden die Namen in der Kabine gespielt: Tuchel, Klopp, Nagelsmann, Kovac, Löw – 1000 Namen. Das nervt die Spieler verständlicherweise. Schlau ist für den Klub, dass er klar sagt: Zum Mai verkünden wir den Trainer – und bis dahin ist Ruhe. Das sollte man dann auch respektieren. Auch die Fans sollten sich da in Geduld üben. Das ist ja die entscheidende Personalie für die nächsten Jahre.
„Nagelsmann tut sich keinen Gefallen“
-Wie sehen Sie Julian Nagelsmann, der erst mit Bayern kokettiert und bei erster Gelegenheit in Dortmund auf der Tribüne saß?
Bei Peter Stögers Einstand im Stadion zu sitzen, war unglücklich und ein Stück weit provokant. Für Stöger war es schwer: Du versuchst, ein neues Team in Gang zu kriegen – und in deinem Rücken sitzt ein anderer Kandidat. Angeblich, um den Gegner zu sehen – aber auswärts, da spielen die doch taktisch ganz anders, das kann er mir nicht erzählen. Dann müsste er ja jede Woche irgendwo auf der Tribüne sitzen.
-Immerhin trug er keine schwarz-gelbe Jacke.
Das habe ich auch gesagt. In München hatte er den roten Mantel – jetzt zum Glück keinen in BVB-Farben. Aber Nagelsmann tut sich mit so einer Aktion selber keinen Gefallen. Er ist doch eh in aller Munde. Ich habe mit dieser Aktion ein Problem. Dann muss Stöger auf seiner ersten Pressekonferenz Fragen zu Nagelsmann beantworten. Nicht schön. Ich fand auch unglücklich, als Nagelsmann vor Wochen einfach sagte, das mit Wagner zu Bayern sei im Grunde entschieden. Sowas hat er als Trainer nicht zu sagen. Das ist die Aufgabe von Sportchef Alexander Rosen, und auch der äußert sich erst bei Vollzug. Nagelsmann schiebt ab und zu unnötig Sachen an. Manches mag dem Alter geschuldet sein, als Bundesligatrainer musst du aber mal wissen, was deine Worte bewirken. Fehler macht jeder, ich auch, noch heute, aber er sollte mal runterfahren.
-Wie sehen Sie Sportchef Hasan Salihamidzic?
Er wird seinen Weg gehen. Er braucht Zeit – wer bräuchte sie nicht, gerade mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge über sich? Dass er anfangs etwas wacklig war, ist menschlich. Das sollte man nicht überbewerten. Überschriften wie, dass er überfordert ist, gehören sich nicht. Er muss Fehler machen dürfen, gerade am Anfang. Hasan ist akribisch, er gibt sein Herz, ist fleißig, genau wie früher als Spieler. Vielleicht sollte man ihn bei wichtigen Situationen nicht immer vorschicken, aber ich denke, er wächst da so rein, dass er bald nicht mehr wegzudenken ist.
-Ihr früherer Kollege Oliver Kahn sagte früher, Salihamidzic schlafe mit dem Finger in der Steckdose.
Ja, das war so – positiv gemeint. Immer bei 100 Prozent. Und immer gut. Genau so arbeitet er jetzt auch.
„WM-Witzguppe? Da bin ich vorsichtig!“
-Seine erste Amtshandlung war, dem gestandenen Carlo Ancelotti das Rauchen zu untersagen.
Das spricht für ihn. Konfliktscheu darfst du in so einer Position nicht sein. Sonst wird das nicht funktionieren.
-Beim Blick auf das Abschneiden der Bundesliga in Europa sagte Rummenigge: „Ein „Katastrophenjahr.“
Das sage ich auch. Am katastrophalsten war die Analyse nach dem Abschneiden in der Euro League. Zu sagen, man ist froh übers Aus, weil man sich wieder auf die Bundesliga konzentrieren kann – das kann es nicht sein. Du vertrittst deinen Verein, die Bundesliga und Deutschland, du arbeitest ein Jahr, um international zu spielen – und dann gibst du es einfach wieder aus der Hand? Das geht doch nicht! In der freien Wirtschaft bist du weg, wenn du so arbeitest. Die Bundesliga ist nicht die stärkste Liga der Welt. Sehen Sie das Tempo in England? Ein Riesenunterschied! Die haben nicht umsonst fünf Klubs im Achtelfinale der Champions League.
-Dort ist nur auf Bayern Verlass, seit Jahren.
Das sage ich schon lange, und dieses Jahr wurde ich total bestätigt. Gefühlt geht das seit zehn Jahren so, dass alle außer Bayern nach der Vorrunde weg sind. Schalke, Hertha, Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und wie sie alle hießen. Dass Leipzig nicht weitergekommen ist, ist okay. Sie waren das erste Mal dabei. Spiel’ mal in Istanbul, das ist nicht so einfach. Aber in der Euro League sollten sie jetzt den Anspruch haben, den Titel zu holen. Genauso Dortmund. Die waren schlecht wie nie, das sollte aber ihren Anspruch nicht drosseln, im Gegenteil. Wenn sie jetzt sagen würden, sie konzentrieren sich auf die Bundesliga – so etwas würde man beim FC Bayern nie hören. Niemals! Die Bayern würden sich bei einem Aus schämen – und Gas geben. Da siehst du den Anspruch. Den hat unter dem Strich nur der FC Bayern.
-2013 standen Bayern und Dortmund im Finale der Champions League.
Dass zwei deutsche Vereine wieder im Champions League-Finale stehen, wird wohl sehr lang dauern. Da habe ich wohl einen Rollator in der Hand.
-Der deutsche Klubfußball leidet – die DFB-Auswahl strahlt aber wie nie.
Ich warne aber vor der Gruppe bei der WM. Das Finale würde ich noch nicht buchen. Die Spielansetzungen sind tückisch: Erst gegen Mexiko, verdammt unangenehm – bei einem Patzer hast du im zweiten Spiel gegen Schweden schon Megadruck, und am Ende geht es gegen Südkorea auch noch um was. Die öffentliche Meinung war: Witzgruppe. Da bin ich vorsichtig. Läuft alles normal, geht Deutschland schon als Erster durch. Es kann aber auch etwas in dieser Gruppe nicht normal laufen.
-Ist die DFB-Auswahl Titelanwärter Nummer 1?
Die Deutschen zählen zum Kreis der Anwärter, aber ich sehe andere Nationen uns ein Stück weit voraus: Die Franzosen mit ihrer individuellen Klasse, die Engländer haben eine unglaubliche Entwicklung genommen, die habe ich auf dem Zettel, wenn sie sich als Team präsentieren. Dann hast du Spanien, Brasilien, Argentinien – nur die Italiener liegen am Strand. Was ich persönlich aber schade finde. Alleine, wie sie die Nationalhymne singen, das ist Gänsehaut. Da drehe ich den Fernseher immer auf.
-Schalkes Leon Goretzka ist heiß begehrt.
Ein deutscher Nationalspieler, 22, ablösefrei – da muss der FC Bayern mitmischen, es würde Sinn machen. Aber jeder andere Schritt würde er für ihn auch Sinn machen. Er hat keinen Druck und sollte sich bis Februar Zeit nehmen, um seine Karriere zu planen. Schalke zu verlassen, ist für seine Entwicklung wichtig. So einer gehört in die Champions League, und bei Schalke hat er da nicht die Garantie. Ich würde ihm raten, in eine der stärksten Ligen zu gehen: Spanien oder England. Ich bin mit 22 nach Italien. Das war nicht verkehrt.
-Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für 2018 – „Deutschland wieder Weltmeister“, „Bayern holt Champions League“?
Ach, es hätte eher nicht mit Fußball zu tun. Es gibt Wichtigeres im Leben. Auch jetzt zu Weihnachten wünsche ich allen einfach nur Gesundheit. Das ist das Wichtigste.
Interview: Hanna Raif und Andreas Werner