München – Der Mann gegenüber im Zug hatte Simon Ollert schon die ganze Fahrt angestarrt, es überraschte ihn also nicht, als er angesprochen wurde: Er sei doch Simon Ollert, der gehörlose Fußballer, der auf dem Sprung in den Profibereich sei – er habe über ihn in der Zeitung gelesen. Seinem Sohn, ebenfalls taub, hätte Ollerts Geschichte sehr viel Mut gemacht, erzählte der Mann. Nur leider fände sich kein Verein, der ihn aufnimmt. Also sitzt der Spross den ganzen Tag zuhause, an der Playstation, obwohl er lieber kicken würde. Das kann doch nicht sein, dachte sich Simon Ollert. Bei mir hat es doch auch funktioniert. „Ich muss da etwas ändern.“
Im nächsten Sommer wird Simon Ollert zum dritten Mal ein Camp für gehörlose Fußballer organisieren. Mut und Selbstvertrauen will er vermitteln, das sind die zentralen Begriffe, sagt der 20-Jährige, „man muss zu sich selber stehen und sich sagen: Okay, ich bin schwerhörig, das ist nicht schön – aber dagegen lässt sich nichts machen, und es geht dennoch sehr viel im Leben.“ Simon Ollert ist dafür das Beispiel schlechthin. Von Geburt an taub – seine Großeltern mütterlicherseits teilten das gleiche Schicksal –, ließ er sich niemals unterkriegen. Als er im Alter von zwei Jahren mit seinem Großvater Albert im Fernsehen Fußballspiele schaute, wusste er: Er möchte auch mal im TV sein, mitten auf dem Fußballplatz.
Sein Wille ist beispiellos. Bei der JFG Ammertal stürmte er so gut, dass ihn 2012 die SpVgg Unterhaching holte. Mit 17 debütierte Ollert in der Dritten Liga – nur Stefan Markolf spielte in Deutschland mit dem gleichen Handicap einst höher; 2007/08 lief er acht Mal für Mainz 05 in der Zweiten Liga auf. Ollert machte nebenbei sein Abi auf dem Gisela-Gymnasium in Schwabing, mit 15 war er bereits allein nach München gezogen. So viel Biss imponiert, Christian Nerlinger nahm ihn als Berater unter seine Fittiche. Ein gutes Duo, der ehemalige Sportchef des FC Bayern gehört so gar nicht zu den Marktschreiern in der Szene. Er wird oft von interessierten Vereinen gefragt, wie das denn sei: Wie gut hört Ollert? Ist es möglich, mit ihm zu telefonieren? Es ist kein Problem, ihn anzurufen und mit ihm zu sprechen, gar keines. Und Nerlinger erklärt immer wieder, wie sehr er an diesen willensstarken Jungen glaube.
Ein Besuch von Müller wäre der Traum – es gibt da Parallelen
Das Camp ist auf fünf Tage angelegt, 44 Buben und Mädchen im Alter von zehn bis 14 werden von bis zu 20 Trainern betreut. Im letzten Jahr flog ein Junge extra aus Russland ein, „vom Schwarzen Meer“, erinnert sich Ollert. Die Integration läuft auch bei internationalen Gästen problemlos. Mittels der Übersetzungs-Applikationen auf ihren Smartphones kommunizieren die Kinder, und der Basisbaukasten der Gebärdensprache ist sowieso weltweit der gleiche. Endet ein Camp, wird der Abschied oft emotional: Die Kinder schließen Freundschaften über alle Grenzen hinweg, sie bleiben über die sozialen Medien in Kontakt. Zu Ollert kommen die Eltern, bei einigen fließen Freudentränen. „Ich bekomme oft gesagt, sie seien so glücklich, weil sie ihr Kind noch nie so aufgedreht gesehen haben.“ Für ihn sind solche Worte Motivation und Bestätigung, das Projekt weiterzuführen. Am Ende eines Camps gibt es immer ein Spiel, Kinder gegen Betreuer. Letztes Jahr endete es 9:8 für den Nachwuchs. Jedes Tor feierten 44 Kinder, indem sie sich in einer Jubeltraube aus purem Glück verhedderten. „Ich bin danach noch zwei Wochen auf Wolke sieben geschwebt, weil ich diese Bilder immer in meinem Kopf hatte“, erzählt Ollert.
Die Kinder entwickeln sich menschlich, aber auch fußballerisch. Die Trainer sind ehemalige Teamkollegen, unter anderem schauten Thomas Kurz, früher mit Ollert bei Ingolstadt, oder der Ex-Löwe Andreas Geipl vorbei. Der große Traum wäre, wenn Thomas Müller einmal auftauchen würde. Er ist Ollerts großes Vorbild, auf und neben dem Platz: „So sympathisch und bodenständig, er arbeitet bis zur Eckfahne und würde den Kindern eine unvorstellbare Freude machen.“
Drohne für Laufwege – das Auge spielt nachweislich mit
Müller ist ein Vorbild, weil er Räume sieht, die andere nicht so leicht erkennen. Da gibt es Parallelen zu den Gehörlosen, die in der Stille des Raumes mehr mit den Augen spielen als Menschen ohne Handicap. „Fußball musst du nicht hören, du kannst ihn aber fühlen“, sagt Ollert, der sich für sein Camp extra eine Drohne von seinem Taufpaten geliehen hat, um die Laufwege der Kinder aus der Luft zu studieren. „Es ist auffällig, dass hier einige Pässe in den Raum spielen – und andere diese erwischen –, in einer Art, in der es Gleichaltrige ohne Schwerhörigkeit nicht so machen“, ist seine Beobachtung. Sein Trainerteam berichtet zudem immer wieder, wie sehr die Kinder bei den Instruktionen bei der Sache sind. „Gehörlose sind aufmerksamer und geduldiger, sie wollen lernen und können sich nicht den Luxus erlauben, mal nur mit einem Ohr zuzuhören“, erzählt Ollert. „Sie müssen sich fokussieren und werden nicht so leicht abgelenkt.“ Stille kann ab und an eine Macht sein.
Ollert ist seit seiner Kindheit fokussiert. Nachdem er seinen Vertrag beim FC Memmingen aufgelöst hat – jeden Tag saß er drei Stunden im Zug, da passte der Aufwand nicht zu den möglichen Zielen –, versucht er nun bei unterschiedlichen Schnuppertrainings, dass er seinem Profi-Traum näherkommt. In der Zeitung hat er gelesen, dass Atlanta eine U 21 für die zweite US-Liga aufbaut – in der spielen auch Didier Drogba und Joe Cole. Wenn das klappt, könnte er sogar sein Fernstudium im Fach „Lifecoaching“ an der Uni Berlin weiterverfolgen. „Es wäre eine schöne Option, bei der ich den nächsten Schritt machen kann“, so der 20-Jährige, der zuhause bei seinen Eltern extra einen Kraftraum eingerichtet hat und auch bei der Ernährung aufpasst; Gluten steht etwa auf dem Index.
Ab Januar bespricht er mit seinen Partnern die Bewerbungsphase für das Camp im nächsten Sommer. Eine große Sportartikelfirma will einsteigen, potenzielle Teilnehmer melden sich über Ollerts Hörgerätefabrikanten „Phonak“ an. Geplant ist, dass die Mädchen und Buben Videos einschicken. „Dann können wir sie schon vorher ein wenig einschätzen, und es ist eine gute Lektion für ihre Zukunft, wenn sie sich mal für Berufe bewerben müssen“, so Ollert. Er weiß, wie wichtig es ist, sich für das Leben zu rüsten. „Es gibt für Schwerhörige oft auch schwere Phasen, das ist normal“, erzählt er, „du bist zum Beispiel mit Freunden unterwegs und kriegst etwas nicht mit, so etwas deprimiert. Rückschläge kommen immer wieder – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber es geht immer darum, weiterzumachen.“
Keiner mit dem Handicap Schwerhörigkeit sollte ausgeschlossen zuhause sitzen.