Lufthoheit

von Redaktion

Den früheren Skispringer Morgenstern hält wenig auf dem Boden – er startet nun bei Helikopter-Weltmeisterschaften

VON ANDREAS WERNER

München – Im letzten Jahr ist Thomas Morgenstern für eine Nacht wieder Skispringer gewesen. Nach einem Besuch in Innsbruck am Bergisel hatte es ihn gepackt; zuhause ging er sofort in den Kraftraum, es sollte ein Comeback geben, um jeden Preis. Zehn Kilo abspecken, kein Problem, ebenso wenig der Sturz, nach dem er 2014 seine Karriere beendet hatte. Am nächsten Morgen aber war die Idee wieder verflogen. Es wäre ja auch etwas bizarr gewesen, sagt der 31-Jährige mit etwas Abstand über seinen gedanklichen Irrflug. Aber die Sehnsucht, die ganze Welt unter sich zu lassen, steckt einfach tief in ihm drin. Auch bei seiner zweiten Karriere hält ihn nichts auf dem Boden. Thomas Morgenstern startet inzwischen bei Helikopter-Wettbewerben.

„Die Fliegerei war schon immer mein Traum, mein Leben“, sagt er. Als Bub stand er vor seinem Haus auf der Wiese und starrte zu den Flugzeugen rauf. Papa, ich will auch mal fliegen, sagte er, und Papa sagte: Du wirst mal so viel fliegen, es wird dich nerven. Nur der erste Teil der Prophezeiung bewahrheitete sich.

Morgenstern junior flog zunächst zu drei Olympiasiegen und acht Mal WM-Gold, und als er die Schanzen satt hatte, wechselte er ins Cockpit einer Robinson R 44. Bereits 2008 hatte er seinen Privatpilotenschein für Flächenflieger gemacht, 2012 den für Helikopter. Um seinen Hals baumelt ein Anhänger in Form eines Helikopters. Ein Bo 105, „mein Lieblingshubschrauber – ein Geschenk von meiner Freundin“. Mit der Leidenschaft Lufthoheit scheint sie sich arrangiert zu haben.

Flug über London: Wie im Kinofilm– und unbezahlbar

„Mich interessiert dieses in der Luft sein, das ist einfach meins“, sagt Morgenstern, der auch im Cockpit Talent hat. Gleich bei seiner ersten WM-Teilnahme 2015 in Polen gewann er die Rookie-Klasse für Piloten mit weniger als 250 Stunden Erfahrung. Bei den „Dubai World Air Games“ im Dezember des gleichen Jahres wurde er Dritter. Auch heuer lief die Saison erfolgreich, erzählt er. Natürlich sind die Wettbewerbe eine Sache für Freaks, es gibt „nur Luft und Liebe“, sagt er, keine Preisgelder, und kostspielig ist es auch. Im Schnitt nehmen 15 Teams an einem Weltcup teil, bei Weltmeisterschaften sind es zwischen 45 und 50. Die Überflieger sind die Russen, sie werden vom Militär gesponsert. Morgenstern tastet sich langsam an sie heran, heuer hat der Laureus-Botschafter schon drei Mal russische Teams überflügelt. „Die merken jetzt: Da ist einer, der kommt nicht, um die Plätze fünf bis sechs zu fliegen.“ 140 Kilometer hinter Moskau gibt es ein Trainingsgelände. Morgenstern war bereits zwei Mal auch dort, um zu üben. Er will seinen Helikopter auf Augenhöhe hieven.

Bei offenen Meisterschaften gibt es klassische vier Disziplinen: Präzisionsflug, Navigationsflug, Slalom, Fender. Bei den Weltcups beschränkt man sich auf die letzteren beiden; sie sind publikumswirksamer. Angetreten wird parallel, gegeneinander, das Terrain ist in etwa so groß wie ein Fußballplatz. Beim Slalom hält der Co-Pilot einen Eimer Wasser, der durch elf Tore manövriert und am Ende auf einem Tisch mit knappem Durchmesser abgestellt wird. Ein schneller Pilot bewältigt den Parcours in rund 1,20 Minuten. Der Fenderflug mit einer Schiffsboje geht „zackzack“, erzählt Morgenstern, in 30 Sekunden ist es durch. „Es schaut spektakulär aus“, versichert der 31-Jährige, „und ich muss sagen: Es klingt nicht nur schwer, es ist auch schwer. Man muss erst eine Weile üben.“ Anfangs war es ungewohnt, im Team zu arbeiten, früher segelte er ja allein durch die Luft. Aber das Zusammenspiel mit Stefan Seer läuft optimal. Der Mann an seiner Seite ist eigentlich sogar der Erfahrenere: Über 4000 Flugstunden.

Das bisher schönste Erlebnis war dieses Jahr im Frühling ein Flug zum Weltcup nach London. „Das machst du nur einmal in deinem Leben“, sagt er. „Erst über den Ärmelkanal, du freust dich wie ein Kind; Dover, Schiffe unter dir, dann London. Wir hatten extra die ,Low Level Route’ angefragt, und dann fliegst du über die Themse, an der Towerbridge vorbei, über Buckingham – alles sieht man, wie man es sonst ja nur aus dem Kino kennt. Das war einfach unbezahlbar.“

Da geht das Herz auf – im Cockpit mit den „Toten Hosen“

Ansonsten ist es beim Fliegen wie eigentlich mit allem: Zuhause ist es am schönsten. Die Berge, die Seen, die Täler, „da geht einem das Herz auf“. Morgenstern legt dann oben in der Luft gerne mal die „Toten Hosen“ auf. Tage wie dieser, es ist nun mal ein Genuss. Momentan macht er den Berufspilotenschein, auch wenn er noch nicht so genau weiß, wie seine Zukunft aussieht. Den Helikopter schätzt er jedenfalls mehr als den Flächenflieger, viel spannender, „das ist das richtige Fliegen: Du bist ständig am Bewegen, bei einem Airliner ist es im Großen und Ganzen einfach einen Computer programmieren – ohne das jetzt schlechtreden zu wollen. Aber mir taugt es im Heli einfach viel mehr.“ Man habe Optionen wie schweben und rückwärts, und bei der Landung sei man flexibler. Ein Flieger benötigt ja immer eine gerade Piste mit bestimmten Maßen. „Deinen Heli bringst du leichter runter. Ich fühle mich da auch sicherer als in einem Flieger.“

Brenzlige Situationen hat er bisher keine erlebt. Anfangs hatte er Probleme mit dem Wind, doch auch das relativiert sich mit der Erfahrung. Das nächste große Ziel ist 2018 die WM in Weißrussland. Für einen Platz ganz vorne wird es noch nicht reichen, da ist er realistisch, um Rang fünf herum wäre das Höchste der Gefühle. Aber irgendwann will er schon mal auch um Medaillen fliegen, „dafür werde ich hart trainieren. Ich bin der Letzte, der sagt, ich mache das alles nur so zum Spaß. Ich wollte immer schon rauf aufs Podest.“

Skifliegen oder mit Helikopter – was ist nun schöner? Das wird er oft gefragt, sagt Morgenstern. „Skispringen ist eine Befreiung, ein irrsinniges Gefühl, mit ein paar Skiern und nur deinem Körper über 200 Meter durch die Luft zu fliegen. Mit dem Hubschrauber ist es anders: Du kannst oben bleiben, bis der Sprit ausgeht.“ Er lacht. „Und du siehst mehr als beim Skispringen. Also meine Antwort lautet: Früher war Skispringen besser, jetzt ist es mit dem Heli.“ Auch darum dauerte der Traum vom Comeback auf der Schanze nur eine Nacht.

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