München – Das Tennisjahr 2017 war für Julia Görges das mit Abstand erfolgreichste. In zwölf Monaten kletterte sie in der Weltrangliste von Platz 54 auf 14. Damit ist sie derzeit beste Deutsche, noch vor Angelique Kerber. Im Interview spricht Görges (29) über ihre Ziele, die Unwichtigkeit von Zahlen sowie entscheidende Veränderungen in Karriere und Privatleben.
-Frau Görges, in Neuseeland beginnt für Sie das Tennisjahr 2018. Denken Sie noch oft an das großartige Ende der Saison 2017 mit Turniersiegen im Oktober in Moskau und zwei Wochen später beim kleinen WTA-Finale in Zhuhai?
Ich hatte danach sehr wenig Urlaub, aber das war mir auch recht, weil man nach so einem Abschluss in seiner eigenen Stimmung ist. Man geht mit einer anderen Vorfreude in eine Vorbereitung, weil man sich nach so einem Ende natürlich ein wenig anders sieht.
-Zwischen dem zweiten Titel Ihrer Karriere 2011 in Stuttgart und jenem von Moskau liegen sechs Jahre. Und es war der erste seit Ihrem Wechsel von Hannover nach Regensburg vor gut zwei Jahren und der Arbeit mit einem neuen Team. Wie schwer war es damals zu sagen: So, jetzt noch mal anders und ganz von vorn?
Natürlich hat es seine Zeit gebraucht, aber ich bin auch froh, dass es eine Zeit gebraucht hat. Wenn es zu schnell gekommen wäre, weiß ich gar nicht, ob es gut gewesen wäre. Weil ich das Gefühl hatte, dass noch mehr in mir steckt, dachte ich im August, September 2015, ich würde gerne was anderes machen. Mit anderen Stimmen, anderen Leuten, die vielleicht eine andere Philosophie haben.
-Und warum fiel die Wahl auf Regensburg?
Ich hab ja hier schon Bundesliga gespielt. Damals hab ich Michael (Anm. d. Red.: Geserer) kennengelernt, er saß bei den Spielen auf der Bank. Mir hat immer seine Art gefallen, wie er mit den Situationen im Match umgegangen ist, wie die Ansprache war, aber auch, welche Gedanken er so reingeworfen hat. Das ist alles sehr ruhig und durchdacht.
-Sie lassen sich inzwischen im Spiel nicht mehr so schnell von Ihren Emotionen verwirren.
Ja. Und daran hat Michael einen sehr, sehr großen Anteil. Fehler gehören zum Spiel dazu, daraus lernt man. Wenn du jeden Fehler bewerten würdest, wäre es eine Katastrophe. Da ist es wichtig, seine Perspektive zu finden. Das perfekte Match gibt es vielleicht zweimal im Jahr, wo man sagt: Wow, da ist mir alles von der Hand gegangen. Man muss mit dem zurecht kommen, was man an dem Tag hat. Das ist die Kunst, und das kriegen die Topspieler hin.
-Sie haben im vergangenen Jahr immer wieder betont, eine bessere Spielerin zu sein. Aber das spiegelte sich in der Rangliste nicht unbedingt wieder. Gab es keinen Moment des Zweifelns beim Blick auf diese komische Rangliste?
Nicht wenn man Michael hat.
-Was sagt der Coach in so einem Fall?
Hab Geduld. Er hat so eine Art, die dich überzeugt in dem, was du machst und was er auch macht. Und wenn du dann selbst daran glaubst, dann sind wir schon wieder zehn Schritte weiter.
-Wie reagiert er, wenn Sie anderer Meinung sind?
Er möchte das. Er möchte, dass ich dagegen rede. Du wirst ja nur besser durch Kommunikation. Wenn du nicht weißt, was der andere denkt, dann wird das nix. Das ist Teamwork.
-Knallt es auch mal?
Nee. Ich umgebe mich eigentlich mit Leuten, die ich mag und die mir guttun. Ich bin relativ direkt, aber ich bin direkt auf eine respektvolle Art. Ich sage dann: Pass mal auf, das fand ich jetzt nicht so gut. Das können wir vielleicht beim nächsten Mal anders machen.
-Bei Personen, die Ihnen gut tun, landen wir bei Florian Zitzelsberger, Ihrem Athletiktrainer und Physio. Sie sind seit einiger Zeit auch privat ein Paar. Möchten Sie darüber reden?
Ich hab kein Problem, darüber zu reden. Aber wichtig ist, dass es nicht darum geht, dass wir zusammen sind, sondern dass er einen verdammt guten Job macht. Und diesen Job machte er schon, bevor wir zusammen waren. Ich mag es nicht, wenn einer sagt, er ist der Freund, weil das seine Qualitäten nicht wiedergibt. Andererseits können nicht viele behaupten, sie können ihr Privatleben mit auf die Tour nehmen. Das ist sicher ein Bonus, aber wir arbeiten so professionell – kein Mensch wird sehen, dass wir zusammen sind.
-Ist es schwer, Grenzen zu ziehen?
Es ist nicht schwer, weil wir es nicht anders kennen. Sobald er mir was physiotherapeutisch oder athletisch sagt, höre ich zu. Ich engagiere die beiden nicht, damit ich dagegen rede, sondern damit sie mich besser machen. Wenn das jeder in dem Team weiß, kann es relativ einfach sein.
-Sie betonen oft, wie wichtig die Kombination Physio/Athletiktrainer ist.
Ja. Vor allem, weil er so ein guter Physio ist, merkt er genau, wo an welchem Muskel was fehlt. Ein normaler Athletikcoach trainiert mit einem Athleten das, was er denkt. Aber er kann nicht hineinschauen in diesen Körper.
-Sieht auch das Training anders aus als früher?
Ja. Sonst hätte ich mich fitnessmäßig nicht so entwickelt. Der Zeitaufwand ist ein ganz anderer als früher, die Pflege dazu. Das Training mit Michael ist intensiver, und es ist wichtig, dass ich Flo auf jedem Turnier mithaben kann und mit meinem Körper möglichst professionell umgehen kann. Ich merke, dass ich viel leistungsfähiger bin, viel mehr machen kann, und wenn du mehr Matches spielst, macht es dich auch matchfit.
-Sie stehen in der Weltrangliste jetzt auf Platz 14, und falls Sie bei den Australian Open gut spielen, könnten Sie zum ersten Mal unter den Top Ten landen.
Das seht ihr jetzt so mit den Top Ten. Ich tu’s nicht. Für mich zählt, dass ich mich weiterentwickele. So bin ich meinen Weg gegangen, und ich hab zwei Jahre erzählt, wie wichtig es ist, dass ich mein Spiel komplettiere. Sich auf irgendeine Nummer festzulegen finde ich immer so was von affig, auf Deutsch gesagt. Wenn ich konstant weitermache, werde ich irgendwann eine Zahl bekommen, die meinem Leistungspotenzial entspricht. Ich glaube, dass noch sehr, sehr viel Luft nach oben ist bei dem ganzen Paket, das ich mitbringe. Ich kann mittlerweile Sachen spielen, von denen ich sage, daran hab ich vor zwei Jahren nicht gedacht.
-Als Sie 2011 in Stuttgart gewannen, hätten Sie sich vorstellen können, dass diese Suche nach Verbesserungen so lange dauert?
Ja, weil man über die Jahre gesehen hat, wie sich das Tennis entwickelt hat. Ich habe Stuttgart gewonnen, aber ich hatte nicht das Repertoire, was ich jetzt habe. In keinster Weise; spielerisch nicht, körperlich nicht, geistig schon gar nicht.
Das Gespräch führte Doris Henkel