Besser als jeder Christbaum-Schmuck

von Redaktion

Ehrung als Deutschlands Sportlerin des Jahres bestätigt Turn-Weltmeisterin Schäfer: „2017 kann nichts mehr toppen“

von hanna raif

München – Der Christbaum im Hause Schäfer musste gar nicht allzu sehr geschmückt werden. Kugeln, Kerzen, Lametta – all das sieht schön aus. Aber: In diesem Wohnzimmer in Bierbach gab es etwas, das jedem mit noch so viel Liebe dekorierten Baum die Show gestohlen hätte. Es ist vielleicht 25 Zentimeter groß und erstrahlt in Silber. Und es schmückt die vier Wände der Turner-Familie seit nun mehr eineinhalb Wochen.

„Die Trophäe hat meine Mama gleich mit nach Hause genommen“, erzählt Pauline Schäfer. Die Weltmeisterin am Schwebebalken war sich schon vor den Festtagen sicher, „dass sie ganz nah am Baum stehen wird“. Pokale hat die 20-Jährige in ihrer Karriere zwar schon etliche gewonnen, aber dieser, den sie als Zweitplatzierte bei der Wahl zu Deutschlands Sportlerin des Jahres bekommen hat, ist mit den anderen halt nicht zu vergleichen. Er ist gleichzeitig der Stolz der Familie wie die Krönung dieses Jahres, das für Pauline Schäfer eigentlich lange Zeit kein gutes war – dann aber zu einem überragenden wurde. Erst auf dem Schwebebalken in Montreal, vergangene Woche dann auf dieser großen Bühne in Baden-Baden.

Wenn man die Pauline Schäfer von heute mit jener vergleicht, die vor ihrem großen Coup – dem ersten WM-Titel einer deutschen Turnerin seit 30 Jahren – Interviews gab, liegen Welten dazwischen. Aus einem schüchternen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden, die inzwischen sowohl weiß, was sie will, als auch, wie sie sich zu verkaufen hat. Den Crashkurs zum umjubelten Star im Rampenlicht hat sie durchleben müssen, weil die Anfragen sich ähnlich häuften wie nach Fabian Hambüchens erstem olympischen Auftritt 2004 in Athen. Der zurückgetretene Olympiasieger gab damals 70 Interviews, Schäfer sagt lachend: „Nach der ersten Woche habe ich aufgehört zu zählen.“ Es waren in den vergangenen zweieinhalb Monaten wahrscheinlich genau so viele, aber immerhin fügt sie hinzu: „Es macht mir schon noch Spaß – auch wenn oft dieselben Fragen kommen.“

Natürlich gibt es ein paar Klassiker, die man von einer aufstrebenden Sportlerin wissen möchte. Und bei Schäfer ist nicht nur das für alle Sichtbare – ihr turnerisches Talent, ihre Eleganz auf dem Paradegerät Schwebebalken – interessant. Ihre Geschichte erzählt von einer begabten Turnerin, die für den Traum einer großen Karriere das Elternhaus im Saarland aber bereits mit 15 Jahren verlassen musste. Der Weg nach Chemnitz – den nach ihr übrigens auch ihre jüngere Schwester Helene gegangen ist – tat ihr gut, ordnete ihr Leben aber letztlich vollkommen den sportlichen Zielen unter. Selbst nach dem WM-Titel war nicht allzu viel Zeit zum Genießen. Es folgten Bundesliga-Wettkämpfe und Bundeswehr-Lehrgänge bis in den Advent. Nebenher macht Schäfer, die mit dem deutschen Spitzenturner Andreas Bretschneider liiert ist, an der Abendschule ihr Abitur.

„Endlich ein bisschen Ruhe“ ist dann auch das, was Pauline Schäfer zwischen den Jahren dringend braucht. Ab und an trainiert sie derzeit am Stützpunkt in Saarbrücken, sie will sich fit halten, ehe im neuen Jahr das richtige Training wieder los geht. Ansonsten aber ist die Zeit für Familie eingeplant – und dafür, zu reflektieren. „Mittlerweile“, sagt sie, „habe ich realisiert, dass ich es geschafft habe.“ Noch ist der Erfolg aber so frisch, „dass ich die Erlebnisse und Gefühle ohne Probleme Revue passieren lassen kann“.

Sie macht das bewusst, wenn es „im Training mal nicht so läuft“. Und sie wird es nach dem Jahreswechsel wahrscheinlich intensivieren, denn es steht eine anstrengende Trainingsphase bevor. Neue Elemente werden erarbeitet, der lange so schmerzende Rücken ersten Stresstests unterzogen. „Potenzial nach oben“, sagt Schäfer, „habe ich an jedem Gerät noch“. Das zweite Jahr im Olympiazyklus nutzt sie daher, um auch „wettkampfmäßig etwas kürzerzutreten“.

Weltcup und Bundesliga finden erst mal ohne sie statt, zur EM in Glasgow und WM in Doha will sie wieder dabei sein. Um dort den Titel zu verteidigen? „Theoretisch ist das möglich“, sagt Schäfer diplomatisch. Sie schluckt. „Aber dieses Jahr kann eh nichts mehr toppen.“

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