Die Träume sind zurück

von Redaktion

Mit Richard Freitag und Andreas Wellinger gehen zwei Deutsche als Topfavoriten in die Tournee

von patrick reichelt

München – Die weihnachtliche Ruhe war für die deutschen Skispringer nicht von langer Dauer. Gestern schon kam das Ensemble von Bundestrainer Werner Schuster in Garmisch-Partenkirchen zusammen. Auf der Anlage der zweiten Station der Vierschanzentournee holte man sich den Feinschliff für das erste große Highlight der Springersaison, das morgen mit der Qualifikation in Oberstdorf (16.30 Uhr/ARD und Eurosport) seinen Anfang nimmt.

In den Tagen zuvor hatten die Hoffnungsträger des Deutschen Skiverbandes in der Heimat noch ein paar neue Kräfte gesammelt. Andreas Wellinger etwa ließ die Fangemeinde daran teilhaben. Bei Facebook postete der Neu-Münchner ein Bild, auf dem er im neckischen Rentierpullover vor einem Weihnachtsbaum und Geschenken in die Kamera feixt. Die Botschaft: Wir sind locker und gut drauf.

Und das ist in diesem Jahr tatsächlich wörtlich zu nehmen. Denn mit so einem guten Gefühl wie diesmal traten die deutschen Springer die Reise ins Allgäu seit der Jahrtausendwende nicht mehr an. Mit Richard Freitag und Wellinger stellt der Deutsche Skiverband (DSV) die beiden überragenden Athleten der ersten Saisonphase. Sieben Einzelspringen wurden in diesem Winter bislang absolviert, vier deutsche Siege stehen bereits zu Buche – nur bei den beiden Auftaktwettbewerben in Wisla und Kuusamo stand kein DSV-Adler auf dem Podium. Freitag ist mit Respektabstand die Nummer eins im Weltcup. Ein Deutscher in Gelb im Zentrum der Auftaktpressekonferenz in Oberstdorf – das gab es seit Martin Schmitt vor 17 Jahren nicht mehr. Für Freitag ein Fall zum Genießen: „Das ist ein Privileg.“

Auch der Bundestrainer schaut der Tournee nach dem besten Auftakt seiner Amtszeit mit einem Lächeln entgegen. „Mit diesen guten Vorleistungen im Rücken wollen wir weiter locker und offensiv an die Wettkämpfe herangehen“, sagte er. Angst vor dem Druck der lärmenden Bühne Tournee hat er nicht. Im Gegenteil: „Rummel ist gut, das müssen wir auf uns zukommen lassen“, sagte er. .Problematischer ist da schon die lange Pause von zwei Wochen seit der Tournee-Generalprobe in Engelberg, bei der vor allem Freitag mit den Plätzen eins und zwei seine derzeitige Ausnahmestellung im Springerzirkus eindrucksvoll bestätigte.

Am schwarz-rot-goldenen Hochgefühl kann auch nicht kratzen, dass die Auftaktphase nicht immer ein so gutes Orakel war wie 1999/2000 bei Martin Schmitt. Der einstige Liebling der Massen reiste als Nummer eins des Weltcups nach Oberstdorf und verließ Bischofshofen immerhin als Tournee-Dritter. Der Slowene Domen Prevc hat im Vorjahr die weit schmerzhaftere Seite kennenlernen müssen. Der jugendliche Senkrechstarter mit dem beängstigenden Harakiri-Stil schnappte sich sogar vier Siege und stürzte in Oberstdorf prompt auf Platz 26 ab. Die Tournee beendete er als überschaubare Neunter.

Doch an ein ähnliches Erlebnis will im Falle von Freitag und Wellinger niemand glauben. Zu stabil, zu konstant scheint das, was das Vorzeige-Duo bislang zeigt. Von Wellinger kannte man das schon aus der zweiten Hälfte des vergangenen Winters. Im Falle von Freitag kommt das überraschend. Beim fragilen Sachsen brauchte es in der Vergangenheit nicht viel um ihn aus der Bahn zu werfen. Noch im vergangenen Jahr wurde Freitag von Werner Schuster mit einem Schulterzucken bedacht. „Ach, der Ritschi. Er ist unbestritten ein Riesentalent“, sagte er, „aber er ist konstant rückläufig.“

Vermutlich kein Zufall, dass beide Topspringer gerade einen Sommer mit persönlichen Veränderungen hinter sich gebracht haben. Wellinger zog es aus Ruhpolding nach München. Freitag siedelte gemeinsam mit seiner ebenfalls skispringenden Schwester Selina nach Oberstdorf über. Die stärkere Trainingsgruppe mag eine Rolle spielen, auch in Punkto Material ist Freitag in seiner neuen sportlichen Heimat im Vorteil. Doch Schuster sieht den Schlüssel eher im Kopf seines einstigen Sorgenkinds. „Ich denke, das Entscheidende ist, dass er sich sehr weiter entwickelt hat“, sagte er, „er ist jetzt viel stabiler geworden.“

Und der Bundestrainer traut ihm zu, dass diese Stabilität auch den Belastungen des Großereignisses Tournee standhalten kann. „Sein großer Trumpf ist das Selbstvertrauen, das er sich in den vergangenen Wochen erarbeitet hat“, sagte Schuster, „das ist eine gute Basis, um die Herausforderungen zu lösen.“

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