BIATHLON

„Ich fühle mich wie ein Spielball“

von Redaktion

Wolfgang Pichler darf nicht zu Olympia, weil er dopingverdächtige Russinnen trainierte – der Coach ist fassungslos

München – Es ist eine böse Weihnachtsüberraschung gewesen für Wolfgang Pichler. Vor den Feiertagen war dem Ruhpoldinger, derzeit Cheftrainer der schwedischen Biathleten, mitgeteilt worden, dass ihm das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Akkreditierung für die Winterspiele in Pyeonchang verweigert – er also von Olympia ausgesperrt bleibt. Der Grund: Pichler betreute von 2011 bis 2014 die von Dopingvorwürfen schwer belasteten russischen Skijäger. Dabei hatte sich der 62-Jährige in der Vergangenheit als Anti-Doping-Kämpfer profiliert, sogar Morddrohungen hatte er deswegen erhalten. Nun steht der frühere Zollbeamte selbst am Doping-Pranger – auch wenn der schwedische Biathlon-Verband betonte, er habe weiter „großes Vertrauen“ in seinen Erfolgscoach. Im Interview mit unserer Zeitung äußerte sich Pichler nun ausführlich zu den Verdächtigungen.

-Wolfgang Pichler, Sie dürfen nicht zu den Olympischen Spielen nach Südkorea, weil Sie zwei mutmaßliche Dopingsünderinnen aus Russland trainiert haben. Damit werden auch Sie – zumindest indirekt – mit Doping in Verbindung gebracht. Wie sehr trifft Sie dieser Verdacht?

Ich bin im Innersten mit mir im Reinen. Ich kann ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen. Auch Grigori Rodschenkow (Leiter des Antidopinglabors bei den Winterspielen 2014 in Sotschi und jetziger Kronzeuge im russischen Dopingskandal/Anm. d. Red.) hat im norwegischen Fernsehen ja bestätigt, dass ich in das Staatsdoping nicht verwickelt war.

„Mein einziger Fehler war, dass ich gemeint habe, ich könnte Russland ändern“

-Wie lautet dann Rodschenkows Vorwurf?

Er behauptet, ich hätte erkennen müssen, dass meine Sportler dopen. Doch da konnte man nichts erkennen. Wie hätte ich das können?

-Als Trainer hat man zum Beispiel ein scharfes Auge für ungewöhnliche Leistungssprünge …

Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nichts über russisches Doping. Ich habe auch rein gar nichts mitbekommen. Und wenn man die Laufzeiten der russischen Biathletinnen analysiert, müsste man sagen: Das muss aber ein schlechtes Doping gewesen sein. Die Zeiten waren doch so schwach. Die Jana Romanova hat zum Beispiel im Sprint zweimal null Fehler geschossen und ist nur 19. geworden. Da muss ich schon sagen: Wenn die gedopt war, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Auch Olga Saizewa, die zweite Sportlerin für die ich zuständig war, hat nie Auffälligkeiten gezeigt. In den drei Jahren, in denen ich für Russland gearbeitet habe, haben wir zu 80, 90 Prozent im Westen trainiert und waren immer unter der Kontrolle der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Wenn die Saizewa die ganze Zeit mit EPO gedopt hätte, wie Rodschenkow behauptet, warum ist sie dann nie erwischt worden?

-Der Radfahrer Lance Armstrong, der als Mega-Doper der Sportgeschichte gilt, ist auch nie positiv getestet worden …

Das ist ein ganz anderer Fall. Der hat seinem Weltverband 125 000 Dollar gezahlt und ist dann gedeckt worden.

-Das russische Staatsdoping bei den Winterspielen 2014 gilt aber als erwiesen.

Erwiesen ist nur, dass Dopingproben ausgetauscht und manipuliert worden sind. Es gibt aber keine positiven Proben. Der zweite Fakt ist, dass Rodschenkow sagt, dass es Staatsdoping gegeben hat. Ich verteidige ja auch nicht den russischen Staat. Ich verteidige die Sportler, die meiner Meinung nach nicht oder nicht wissentlich gedopt haben. Und ich verteidige die Trainer, die nichts davon gewusst haben.

-War es nicht von vornherein ein großes Risiko, als Trainer für den schon früher skandalumwitterten russischen Biathlonverband zu arbeiten?

Es war ein Risiko. Aber nach wie vor sehe ich es nicht als ein Fehler an. Ich kann mir ja sagen: Ich habe nie etwas Unrechtes getan. Mein einziger Fehler war, dass ich gemeint habe, ich könnte Russland ändern. Ich dachte halt, dass ich das unter Kontrolle bekomme.

-Hatten Sie inzwischen Kontakt mit Ihren früheren Sportlerinnen Saizewa und Romanova?

Ja. Über E-Mail.

-Wie waren die Reaktionen?

Die sind fix und fertig. Die beiden gehen jetzt vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS. Die meinen schon, dass sie Recht bekommen. Wie gesagt, es gibt keinen positiven Dopingbefund.

-Wie wollen Sie sich zur Wehr setzen?

Ich berate mich einem guten, erfahrenen Rechtsanwalt. Und dann sehen wir weiter.

-Halten Sie es grundsätzlich für ausgeschlossen, dass russische Biathleten in Sotschi gedopt an den Start gingen?

Natürlich weiß ich nicht, was in Sotschi hinter meinem Rücken möglicherweise abgelaufen ist. Da war ein riesiges russisches Ärzteteam da – was die da inszeniert haben, weiß ich nicht.

-Wie lautet denn die genaue Erklärung für Ihren Olympia-Bann?

Das ist es eben, was mich am Allermeisten ärgert. Ich hätte erwartet, dass man mit mir wenigstens redet, dass ich wenigstens eine Chance kriege, mich zu rechtfertigen. Aber es gab keine Erklärung, keinerlei Kontakt. Das einzige war, dass der schwedische Verband mir mitgeteilt hat, dass ich vom IOC keine Olympia-Akkreditierung bekomme. Die demokratischen Grundregeln werden doch völlig missachtet. Ich fühle mich wie ein Spielball.

„Die armen Teufel sind jetzt wir: die Trainer und Sportler“

-Inwiefern?

Da haben die einen prominenten Trainer hergenommen, um zu zeigen: Das ziehen wir jetzt durch. Ich bin ja auch dafür, dass man bei Doping hart durchgreift. Aber es muss rechtlich einwandfrei sein. Aber das ist hier nicht der Fall. Es gibt nichts Hieb- und Stichfestes. Und in einer Demokratie muss man sich doch verteidigen können. Schließlich ist mir persönlich ein großer Schaden entstanden. Außerdem stellt sich für mich die Frage: Warum macht man das nur bei den Russen? Es gibt ja auch gedopte Sportler aus anderen Nationen. Aber da ist noch nie ein Trainer gesperrt worden.

-Wie erklären Sie sich, dass man mit Ihnen so drakonisch verfährt?

Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass das von ganz oben gemacht ist. Da wurde wahrscheinlich ein Deal zwischen russischem Staat und IOC ausgehandelt und in der verfahrenen Situation eine Lösung gesucht. Und die armen Teufel sind jetzt wir: die Trainer und die Sportler.

Das Interview führte Armin Gibis

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