Das IOC hatte sich lange Zeit überaus schwer damit getan, im Zusammenhang mit dem russischen Dopingskandal bei Olympia 2014 in Sotschi eine angemessen drakonische Reaktion zu zeigen. Flächendeckendes Staatsdoping bei Winterspielen – dieser Mega-Skandal konnte nur ein schmerzvolles Strafmaß nach sich ziehen. Nun, man kann darüber streiten, ob dem globalen Rechtsbewusstsein hinreichend entsprochen wurde, indem Olympias hohe Herren sich vor drei Wochen dazu durchrangen, russische Athleten in Pyeonchang nur unter neutraler Flagge starten zu lassen. Erstaunlich gnadenlos wirkt dagegen nun die Maßregelung von Trainern, die vor vier Jahren mit russischen Athleten zusammenarbeiteten. Sie wurden von den kommenden Winterspielen ausgeschlossen. So wie der Biathlon-Coach Wolfgang Pichler, derzeit Chef von Schwedens Skijägern. Ein Fall, der bei näherer Betrachtung zwangsläufig die Frage aufwirft, ob hier nicht ein sehr fragwürdiges Exempel statuiert wurde.
Zunächst gilt es einmal festzuhalten, dass sich Wolfgang Pichler bislang als äußerst couragierter Anti-Dopingkämpfer hervorgetan hat. Während der Biathlon-WM 2009 (sie fand übrigens in Pyeonchang statt) sah sich der Ruhpoldinger sogar mit Morddrohungen konfrontiert, nachdem er lautstark gegen russisches Doping gewettert hatte. Einige Wochen später beim Saisonfinale in Sibirien musste Polizeischutz für den Oberbayern und sein schwedisches Team angefordert werden.
Nun also die Umkehrung. Weil Pichler vermeintliche Dopingsünderinnen aus Russland betreut hatte, bleibt ihm ein Wiedersehen mit Pyeonchang verwehrt. Seine früheren Verdienste sind natürlich kein Beweis für seine Unschuld. Nur liegen seltsamerweise auch keine Beweise für seine Schuld vor. Noch irritierender ist, dass Pichler seitens des IOC mit keinem Wort erklärt wurde, worin nun seine mit Olympia-Ausschluss sanktionierte Missetat genau bestand. Nicht einmal verteidigen durfte er sich. Dabei sieht sich der 62-Jährige nun Doping-Verdächtigungen ausgesetzt, die sein bislang tadelloses Image ruinieren könnten.
Mit rechtsstaatlichen Gepflogenheiten hat dieses IOC-Gebaren somit nicht mehr das Geringste zu tun. Vielmehr wirkt Pichlers Verbannung wie ein olympischer Willkürakt.