München – Abends, erinnert sich Yannick Hanfmann, hat er seinem Vater immer alles erzählen müssen. „Und, wie war’s mit Boris heute“, wollte der Senior dann wissen, der die goldenen Zeiten des deutschen Tennis als Fan miterlebt hat, und sein Sohn legte los. Wie Boris Becker, der alte Meister und neue „Head of Men’s Tennis“, das Davis Cup-Relegationsspiel in Portugal auf der Tribüne neben Hanfmann, dem Debütanten, verfolgte. Und wie er ihn auf feinste Details hinwies, die dem Jungprofi gar nicht aufgefallen wären. „Der Boris hat einen anderen Ansatz“, lernte Hanfmann in diesen Septembertagen. „Er redet viel über das Mentale.“ Trotzdem war der Karlsruher bass erstaunt, als vor einem wichtigen Punkt sein Sitznachbar ihm zuraunte: „Schau mal dem Sousa in die Augen.“
Yannick Hanfmann hat ein ebenso aufregendes wie lehrreiches Jahr hinter sich, nicht nur wegen des intensiven Austauschs mit Boris Becker und dessen Blick auf portugiesische Sandplatzspieler. Begonnen hat er es auf einer Weltranglistenposition jenseits der 300, zu Ende ging es als 119. und mit einem Flug am ersten Weihnachtsfeiertag nach Brisbane. Es ist für Tennisprofis vollkommen normal, kurz nach Heiligabend nach Australien aufzubrechen, wo Mitte Januar das erste Grand Slam-Turnier beginnt. Für Hanfmann (26) ist es das allererste Mal.
Die „Off Season“, die er in der TennisBase in Oberhaching verbrachte, ist eine gute Gelegenheit gewesen, die vielen Eindrücke zu ordnen. Es ist schließlich eine Menge durcheinander geraten, seit er im Frühjahr die Future-Serie, das niedrigste Level der Profitour, hinter sich gelassen hat. Als er im Mai bei den BMW Open in München sein erstes ATP-Viertelfinale erreichte, war er selbst im eigenen Land nahezu unbekannt. Die allererste Pressekonferenz seines Lebens eröffnete er mit den Worten, man möge die Fragen bitte laut und deutlich stellen. Er sei schwerhörig.
Dass sein Handicap inzwischen kaum noch ein Thema ist, ist auch ein Beleg, wie rasant es bei Hanfmann, der vor der Tenniskarriere ein Studium an der Universität von Südkalifornien (USC) in Los Angeles abschloss, aufwärts gegangen ist. Zwei Monate nach München, wo er sich ins Viertelfinale vorkämpfte, erreichte er in Gstaad sein erstes Endspiel. Weitere zwei Monate später stand er dann schon im Davis Cup-Kader. Und Mitte Oktober gewann er in Ismaning seinen ersten Titel auf der Challenger-Tour, der zweiten Liga des Welttennis. Letztes Jahr um diese Zeit, sagt Hanfmann, habe er sich „nicht träumen lassen, dass das alles passiert. Jetzt ist es passiert.“
Es ist kein Zufall, dass seine größten Erfolge sich an Orten ereigneten, wo die Umstände sehr in seinem Sinne waren. München und Ismaning waren Heimspiele, und in Gstaad kam ihm, dem 1,93-Meter-Hünen, die dünne Höhenluft zugute, die aggressive Akteure begünstigt. Zeitgleich wäre damals das Turnier am Hamburger Rothenbaum gewesen, einer renommierten Adresse, bei der Profis mit seinen Anlagen sich verlässlich schwer tun. Als die avisierte Wildcard zur Freikarte für die Qualifikation schrumpfte, war Hanfmann zunächst enttäuscht. Heute weiß er, dass ihm nichts Besseres hätte passieren können, weil die Entscheidung für Gstaad nun umso leichter fiel.
Ganz so geradlinig, wie die Zahlen glauben lassen, verlief der Weg aber auch nicht. „Bei mir sind die Schwankungen noch relativ groß“, weiß er. Nach dem Titel in Ismaning bezog er zwei Erstrundenniederlagen und musste die Hoffnung begraben, als Top-100-Spieler ins neue Jahr zu gehen und das Hauptfeld der Australian Open ohne den Umweg der Qualifikation zu erreichen. Und bei den BMW Open, seinem ersten großen Auftritt, kämpfte er mit einer Streptokokken-Infektion. Sowas kann gefährlich werden, wenn die Bakterien das Herz angreifen. Auch damals stand er in ständigem Kontakt mit dem Vater. Einem Mediziner.
An der USC hat Yannick Hanfmann gelernt, Widerstände zu überwinden, und sich die nötige Matchhärte angeeignet. „Ich habe anderthalb Jahre Probleme mit der Patellasehne gehabt, Schmerzmittel geschluckt und immer weiter gespielt. Meinem Körper habe ich bestimmt nichts Gutes getan.“ Aber als Besitzer eines Stipendiums, für das die Uni eine sportliche Gegenleistung erwartete, hatte er keine Wahl.
Das neue Jahr beginnt Hanfmann nun mit neuen Perspektiven. Die Top 100 zu erreichen, ist ein logisches Ziel, aber fast ebenso wichtig ist ihm ein anderes. Einmal im Leben will er auf der Tour gegen Roger Federer spielen, das Idol einer ganzen Generation, mit dem er schon mal eine Trainingswoche verbrachte. Beim Rasenturnier in Stuttgart hätte es beinahe geklappt. Eine Runde trennte sie noch von einem Duell, doch dann verloren beide ihre Partien. „Ich jage diesem Match nach“, sagt Hanfmann. Schon bei den Australian Open könnten sich die Wege kreuzen. Falls Hanfmann sich qualifiziert. An Motivation wird es nicht mangeln.