Garmisch-Partenkirchen – Als das Neujahrsspringen noch einmal seine Härten zeigte, hatte Richard Freitag erst so richtig Spaß an der Sache gefunden. Deutschlands Ausnahmespringer wippte in der Box des Führenden zu den Klängen der Musik, die aus den Lautsprechern des Olympiastadions lärmten.
Solange bis der Wind auch noch noch die beiden Topspringer des ersten Durchgangs aus seinen Fängen ließ. Und sich zeigte, dass es bei dieser 66. Vierschanzentournee noch einen Besseren gibt. Kamil Stoch, der Titelverteidiger, hatte beim Auftakt in Oberstdorf die Gunst der guten Bedingungen genutzt. In Garmisch-Partenkirchen war der Pole dann eine Klasse für sich. 135,5 und 139,5 Meter standen für ihn letztlich zu Buch. Platz eins im ersten, Platz eins im zweiten – viel eindrucksvoller kann man sich nicht zum Tourneefavoriten aufschwingen.
Auch die deutsche Hoffnung Richard Freitag konnte da nur anerkennend applaudieren. „Der Kamil war heute so stark“, sagte er, „da ist kein Platz für kleine Fehler.“ Und die hatte sich der Weltcupspitzenreiter in beiden Wettbewerben der ersten Tournee-Halbzeit halt schon geleistet. Heraus sprangen trotzdem zwei starke zweite Plätze. Aber vor allem mit seinen Sprüngen in Garmisch-Partenkirchen auf 132 und 137 Meter hatte er sich trotz des Rückhalts von 21000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion, schon einen kleinen Respektabstand auf Stoch eingehandelt. Knapp 12 Punkte Rückstand nimmt Freitag nach Innsbruck – rund 6,5 Meter.
Das ist schon noch im lösbaren Bereich. Anders als beim Tournee-Dritten, Stochs Landsmann Dawid Kubacki, der in Österreich fast 18 Meter aufholen muss.´Doch nicht zuletzt Bundestrainer Werner Schuster will sich erst gar nicht an Rechenspielen versuchen. „Es ist noch alles möglich, aber gegen so einen Gegner wird es schwer.“
Der Österreicher hatte auch so allen Grund, die Weiterreise in sein Heimatland mit einem Lächeln anzutreten. Man ist noch im Geschäft in der Tourneewertung. Auch mannschaftlich steht sein Ensemble besser da als im Gros der vergangenen Jahre. Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler konnten nach den Plätzen zehn und neun in Oberstdorf zwar auch in Garmisch-Partenkirchen als 11. und 14. nicht ganz an die hohen Vor-Tournee-Erwartungen anknüpfen. Dafür sprangen im Oberstdorfer Karl Geiger auf Rang sieben (136 und 133,5 Meter) und Stephan Leyhe auf dem zehnten Platz (130,5 und 137 Meter) zwei Athleten der vermeintlichen zweiten Reihe in die Bresche. Schuster sah es gerne. „Die beiden entwickeln sich in kleinen Schritten aber kontinuierlich weiter“, befand er, „ich bin sehr zufrieden.“
So gesehen ist es auch nicht unbedingt überraschend, dass der Bundestrainer nun erst einmal weiter seinem bisherigen Weltcup-Team das Vertrauen schenkt. Also auch Pius Paschke, der in beiden Tournee-Wettbewerben das Finale verpasste. „Es hat sich nach meiner Sicht halt auch keiner aus der nationalen Gruppe aufgedrängt“, sagte Schuster.
Ein echtes Debakel erlebte derweil Co-Gastgeber Österreich. Der als Mitfavorit gehandelte Weltcup-Sieger Stefan Kraft, in Oberstdorf noch respektabler Vierter, sprang in Garmisch-Partenkirchen mit 122,5 Metern sogar am Finale vorbei und ist damit alle Hoffnungen auf einen neuerlichen Tournee-Coup los.
Am Ende waren die Plätze 19 und 20 für Rückkehrer Gregor Schlierenzauer und Michael Hayboeck das Maß aller Dinge. So schlecht stand Austria vor dem Wechsel auf die Heimschanzen lange nicht mehr da. Hayboeck zumindest hat schon so seine Ahnung, was am heutigen einzigen Ruhetag der Tournee Besserung bringen könnte. „Wir werden Tipp-Kick spielen“, sagte er, „das wird Laune machen“.
Eine Sache, die Richard Freitag immerhin nicht nötig hat.