„Schritt für Schritt zur besten Angie“

von Redaktion

Mit neuem Trainer will Kerber ihr schwaches Tennisjahr 2017 vergessen machen – Verzicht auf den Fed Cup

Perth – Angelique Kerber ist erfolgreich ins Tennis-Jahr 2018 gestartet. Zusammen mit Alexander Zverev gewann sie beim Hopman Cup in Perth mit 2:1 gegen Belgien. Die beiden Deutschen siegten im entscheidenden Doppel gegen das Duo Elise Mertens/David Goffin. Zuvor hatte Kerber gegen Elise Mertens gewonnen und Zverev seine Partie gegen David Goffin verloren. Nach dem Sieg äußerte sich Angelique Kerber zu ihrem „Neuanfang“.

-Wie fanden Sie sich bei Ihrem Sieg im ersten Spiel des neuen Jahres?

Ich bin auf jeden Fall zufrieden, dass ich von Anfang an da war, dass ich mit Herz gespielt und bis zum Schluss gekämpft habe. Natürlich ist man ein bisschen nervös, wenn man nicht weiß, wo man steht. Das weiß ich immer noch nicht so genau, aber ich habe jetzt ein etwas besseres Gefühl dafür, wie ich drauf bin.

-Im vergangenen Jahr lief vieles nicht so, wie Sie sich das vorgestellt hatten. Da sagten Sie öfter, irgendwas müsse passieren. Gab es den einen Zeitpunkt, an dem Sie definitiv wussten, jetzt ist es soweit?

Einen Zeitpunkt gab es nicht, es hat sich über ein paar Wochen hingezogen. Als ich nach dem letzten Turnier von Zhuhai nach Hause flog, wusste ich: Ich muss jetzt was für mich selber ändern.

-Wie sind Sie auf Wim Fissette, ihren neuen Coach, gekommen?

Als ich mich von Torben (Beltz) getrennte hatte – das war meine erste Entscheidung –, saß ich zuhause und dachte: Wie geht’s weiter? Ich wusste ja, dass sich der Wim von Johanna Konta getrennt hatte, und er war die erste Person, die mir in den Kopf gekommen ist.

-Weil er mit allen Spielerinnen, die er betreute, großen Erfolg hatte?

Ja, schon. Aber für mich ist es wichtig, eine Person zu haben, der ich vertrauen kann. Ich weiß, dass ich einfach dieses Ruhige brauche und dass ich das Gefühl brauche, mich auf die Leute in meinem Team verlassen zu können.

-Wie würden Sie den Neuen nach den ersten vier Wochen der Zusammenarbeit beschreiben?

Er ist konkret, engagiert und ambitioniert. Da ist ein Plan drin, ein System, ein Ziel. So bin ich auch. Jeder weiß, was er vom anderen erwartet. Wir sprechen viel, was natürlich gerade am Anfang sehr wichtig ist, damit man den anderen auch kennenlernt. Er ist ruhig, ehrlich, klipp und klar im Gespräch.

-Wie äußert er Kritik?

Er ist nie negativ, aber klar, und das ist genau das, was ich mir auch gewünscht hatte.

-Glauben Sie, dass Sie selbst auch offener sagen müssen, was Ihnen nicht gefällt?

Ich glaube, dass ich im letzten Jahr viel gelernt habe. Wie ich bin, und wie es ist, mit dem ganzen Druck umzugehen. Mit Niederlagen und Erfolg. Ich bin schon offener geworden, ich lasse mich jetzt auch auf vieles ein. Das ist jetzt ein Prozess, und wir sind ja erst am Anfang der Saison, aber ich fühle mich total gut. Man kann nicht erwarten, dass ich von Anfang an perfektes Tennis spiele, aber ich glaube, es ist auf dem richtigen Weg.

-Haben Sie für sich das alte Jahr mit allem, was nicht gut gelaufen ist, komplett abgehakt oder geistern noch irgendwelche Gedanken daran in Ihrem Kopf herum?

Ich bin froh, dass 2017 zu Ende ist. Und auf das neue Jahr freue ich mich wirklich – ich glaub, so sehr hab ich mich noch nie auf ein neues Jahr gefreut.

-Glauben Sie, irgendwas ganz falsch gemacht zu haben im vergangenen Jahr?

Es fing halt schon 2016 an, als ich viel zu wenig Urlaub genommen habe. 2017 war dann eine komplett neue Situation für mich, und ich glaube auch, dass ein bisschen die Motivation gefehlt hat, sich wieder neu zu orientieren und alles zu strukturieren. Aber weil ich so wenig Zeit hatte, war das nicht leicht.

-Haben Sie vielleicht manchmal einen Termin zuviel mitgenommen?

Ich glaube, es kam einfach alles zusammen: Die lange Saison 2016, dann die ganzen Emotionen. Aber ich weiß, dass es für mich ein sehr lehrreiches Jahr war. Und ich bin persönlich auch dankbar, dass ich so ein Jahr erleben durfte. Zwei so komplett verschiedene Jahre erleben sicher nicht viele Menschen, und ich glaube, dass mir das später auch nach dem Tennis weiterhilft. Ich denke schon, dass ich dadurch als Person gewachsen bin.

-Sind Sie auch froh darüber, zumindest im Moment nicht mehr bei jeder Gala oder jedem Turnier im hellsten Rampenlicht zu stehen?

Das ist schon anstrengend. Natürlich jammert man da auf einem hohen Niveau, und natürlich würde ich gern dorthin zurück. Aber im Moment ist die Ruhe sehr viel wert, gerade in der Vorbereitung, wo ich mich komplett auf mein Tennis konzentrieren konnte. Wo ich so gut wie keinen Termin wahrgenommen habe, was mir auch wirklich wichtig war, um mich wieder mit Spaß und Freude auf diesen Sport konzentrieren zu können.

-Haben Sie sich diesmal genug Urlaub vor dem Neustart gegönnt?

Ich hatte genug Urlaub. Und wir haben erst dann angefangen, als ich gesagt hab: Jetzt bin ich ready. Der Urlaub hat dann sogar noch eine Woche länger gedauert, aber das war wirklich sehr wichtig für mich.

-Wie lief dann die Vorbereitung?

Wir haben auf Lanzarote angefangen, das waren zwei Wochen mit Fitness, und in den beiden letzten Wochen vor Weihnachten haben wir in Polen trainiert.

-Läuft jetzt im Training irgendwas grundsätzlich anders als früher?

Es ist auf jeden Fall eine andere Ansprache, aber ich will jetzt den Torben nicht mit dem Wim vergleichen. Ich merke aber auch, dass ich nach dem letzten Jahr anders bin. Dass ich eine andere Qualität und Intensität auf den Platz bringe. Dass ich es jetzt lieber gut und kurz mache anstatt noch ne Stunde und noch ne Stunde, aber das nur halb. Und wir haben jetzt einen konkreten Plan, wie mein Spiel aussehen soll.

-Als Sie vor einem Jahr als Titelverteidigerin bei den Australian Open antraten, sah es so aus, als laste die Frage: ,Oh Gott, wie wird das jetzt alles werden?’ schwer auf Ihren Schultern. Wie sieht es diesmal zu Beginn des Jahres mit Ihren Gedanken aus?

Mein innerer Zustand ist so, dass ich jetzt auf jeden Fall meinen Weg gehen werde. Ich weiß, was ich kann. Und ich glaube, dass ich mit der Zeit einfach auch realisiert habe, was ich 2016 geschafft habe. Ich bin schon stolz darauf, und das kann mir auch niemand mehr nehmen, das bleibt für immer.

-Sie haben zusammen mit Ihrem Team beschlossen, auf einen Start bei der ersten Runde im Fed Cup Anfang Februar in Weißrussland zu verzichten. Warum?

Wir haben lange überlegt, wie die Planung für das Jahr aussieht. Am Beginn der neuen Zusammenarbeit ist es sehr wichtig, dass wir das konstant weiterführen, was wir in den letzten Wochen begonnen haben. Die Turniere in Doha und Dubai nach den Australian Open sind wichtig für mich, auch gerade mit der Trainingsphase davor. Ich will in Zukunft weiter für Deutschland im Fed Cup spielen, weswegen mir die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Es gibt aber viele gute junge Spielerinnen, für die das vielleicht auch eine Chance sein kann. Außerdem war es mir sehr wichtig, das Thema mit Barbara Rittner (Anm. d. Red.: Chefin des Frauentennis im Deutschen Tennis Bund) und dem neuen Fed-Cup-Coach Jens Gerlach offen und ehrlich zu besprechen, damit sie frühzeitig planen können.

-Glücklich werden die beiden nicht gewesen sein . . .

Natürlich ist es immer leichter, wenn alle zur Verfügung stehen. Aber sie verstehen, wie wichtig die Phase in meiner Karriere ist, und haben mir die volle Unterstützung zugesichert.

-Worauf freuen Sie sich am meisten im neuen Jahr?

Ich freu mich darauf, wieder meine Leidenschaft auf dem Platz zeigen zu können und es nicht wieder zu kompliziert zu machen, sondern Schritt für Schritt zur besten Angie zu kommen, die ich sein kann.

Das Gespräch führte Doris Henkel

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